Freitag, 24. September 2077

Das war's...erstmal.

Liebe Leute,

Am 15.September 2008 bin ich aus Israel nach Deutschland zurückgekehrt.
Eins der spannendsten Jahre meines bisherigen Lebens liegt hinter mir.
Leider habe ich es nicht geschafft wirklich viel davon niederzuschreiben.
Ein, zwei Berichte werde ich jedoch noch rückblickend schreiben.
Wer Fragen zum Zivildienst / Volontariat in Israel hat: feel free to contact!

-11.10.08

Montag, 21. Januar 2008

Nicht schön – Gedanken zum Frieden im Land der Zäune und Checkpoints

Wer eine Zeit lang in Israel gelebt hat, braucht keine Bücher mehr, keine Dokumentationen darüber, dass es zwischen Juden und Palästinensern eine tiefe Spaltung gibt.
Offizielle Landessprache ist neben Hebräisch auch Arabisch: Straßenbezeichnung, Autobahnschilder tragen immer auch die arabische Version, genauso wie Banknoten und Münzen. Dies legt eine theoretische Gleichstellung der beiden Parteien in Israel nahe.
Doch man sieht selten arabische Familien in der großen Jerusalemer Malha Mall einkaufen oder entspannt durch die Straßen der Neustadt flanieren. Die Altstadt mit ihrem romantisch-orientalischen, gleichzeitig aber auch billig-touristischen Flair „gehört“ den Arabern, die Neustadt, die voll gestopft ist, mit westlichen Konsumartikeln, die einen hohen Lebensstandart und ertragreiche ökonomische Aktivität nahe legen, den Juden.
Ich bin letztens durch eine sehr alte und hübsche Nachbarschaft, direkt neben dem Shuk (Markt) gelegen, geführt worden, die momentan ziemlich umgekrempelt wird, weil sich vornehmlich Juden aus den USA, Frankreich, Kanada und Belgien die Häuser kaufen und umbauen oder erweitern, wodurch die ohnehin schon horrenden Mietpreise noch einmal erhöhen. Auf den Baustellen gab es meist einen, der perfekt Hebräisch sprach – ich schätze, dass war der jüdische Vorarbeiter. Die anderen, die Arbeiter, das waren Araber. Ähnlich wie in Deutschland wird auch in Israel gerne auf die billige Arbeitskraft einer ökonomisch kaum selbstständigen Bevölkerungsschicht zurückgegriffen.
Allein die Tatsache, dass überhaupt Palästinenser im israelischen Kernland arbeiten dürfen und man mittlerweile doch wieder ab und an Frauen mit Kopftüchern die Einkaufsmeile der Yaffa Road entlanggehen sieht, ist vermutlich schon ein Zeichen für den momentanen Frieden.
Zu Zeiten der Al-Aqsa-Intifada zwischen 2000 und 2003 war es Bewohnern der Autonomiegebiete verboten worden, in Israel zu arbeiten und zusammen mit anderen Restriktionen führte dies innerhalb kürzester Zeit zu einer weiteren Verschärfung der ohnehin prekären wirtschaftlichen Lage in Westbank und Gazastreifen.

Mir kommt das Bild einer vollständig vereisten Blume in den Kopf, wenn ich an die Chancen für einen dauerhaften Frieden in dieser Region denke: Haucht man sanft das Eis von der Blume, dann kann langsam, Schritt für Schritt Frieden herbeigeführt werden. Berührt man sie dagegen unvorsichtig und grob, zerspringt die Eisskulptur und man muss ein weiteres Mal darauf warten, bis neue Hoffnung wachsen kann.
Ich kann leider sehr schlecht einschätzen, wie ernst die momentanen Bemühungen bei der in die Lösung des Konflikts involvierten Parteien sind, gegenseitiges Vertrauen aufzubauen und das Eis schmelzen zu lassen.
Einerseits erfahre ich aus den Medien, dass sich die US mit George W. Bush jr. an der Spitze wieder für die Lösung des Nahostkonflikts engagieren wollen. Auf der anderen Seite gehe ich eines Tages durch Hebron um eine Ecke und sehe drei Soldaten, die in voller Kampfmontur und mit dem Finger am Abzug Kinder ohne ersichtlichen Grund durch die Straßen scheuchen.
Nicht zu sprechen von den immer noch stattfindenden Zerstörungen von Häusern, nicht nur im Gazastreifen, sondern z.B. auch in Ostjerusalem. Die fast täglichen Armeeoperationen in so gut wie jeder größeren Stadt in Westbank und Gazastreifen.
Im Gegensatz zu mir, der in diesem Land sozusagen nur zu Besuch ist, erleben die Bewohner von Ramallah, Nablus, Gazastadt und vieler anderer Städte täglich Unterdrückung und Demütigung, die ich nachzuempfinden nur im Ansatz in der Lage bin.
Bisher hatte ich für mich ausgemacht, nicht für Juden und nicht für Palästinenser Partei zu ergreifen. Auf beiden Seiten gibt es schreckliches menschliches Leid, das gegeneinander aufzuwiegen meiner Meinung nach jedoch nicht möglich ist.
Dieser Einstellung folge ich auch immer noch. Und doch fühle ich in diesen Zeiten des relativen, wenn auch denkbar fragilen Friedens (noch letzten Sommer lag Israel mal wieder mit Libanon im Krieg) mehr und mehr Verständnis für die palästinensische Seite. Nein, für Selbstmordattentäter gilt dies selbstverständlich nicht, aber dass man keinen Hass und unendliche Verzweiflung entwickelt, wenn man täglich gedemütigt und minderwertig behandelt wird schon.

Ich glaube daran, dass es die israelische Regierung vermag, die ökonomische Situation in den Autonomiegebieten zu verbessern und sich dadurch die Lage stabilisieren wird. Zusammen mit einem weniger einengenden Netz der Sicherheitsapparate, allen voran den IDF (Israeli Defense Forces) und einer Verbesserung der Behandlung an den Checkpoints würden die Chancen auf eine von Eis befreite Blume meiner Meinung nach steigern. Wer, um an den Verhandlungstisch zu kommen, erst durch einen Checkpoint muss, bei dem man sich durch eine Schleuse getrieben fühlt, wie Vieh in einem Schlachthaus, von dem kann man nicht erwarten, dass er das Gefühl hat, auf gleicher Augenhöhe zu verhandeln, wie sein Gegenüber.

die kolumne: max meint [02]

Meinen neuen Gastkommentar möchte den Pionieren unserer Zeit widmen, die wie schon ihre Vorgänger in früheren Zeiten neue Wege erkunden und neue Türen für uns öffnen. Denn wo wären wir heute ohne diese großen Helden, die unerschrocken neue Kontinente eroberten, um sie für uns nutzbar zu machen, anstatt sie weiter ihren eigentlichen Bewohnern zu überlassen? Dies alles geschah unter schier unglaublichen Entbehrungen ihrerseits zu unserem Nutzen, weshalb wir ihnen auch, wie ich finde, zu Recht dankbar sind.
Auch die Jungpioniere in den sozialistischen Ländern kämpften aufopferungsvoll für den Fortschritt unserer Welt. Heute werden ihnen ihre Opfer für uns alle nicht überall anerkannt. Doch dies war nicht immer so, denn einst bekamen sie den Respekt den sie verdienen.
Es gibt allerdings noch eine Gruppe von Pionieren, deren Wohltaten ganz und gar nicht in den meisten Teilen unserer Welt anerkannt werden. Ich spreche von der jüdischen Siedlerbewegung, die es sich zum Ziel gesetzt hat einen Streifen Wüste für uns alle nutzbar zu machen. Die Frage stellt sich nun: ist etwas daran falsch? Ich sage NEIN!!!, denn auch diese Pioniere setzen sich schier unglaublichen Entbehrungen aus, um diese monumentale Aufgabe zu lösen. Nun gibt es Stimmen, die behaupten, dass diese Pioniere sich auf Kosten anderer an diesem Land bereichern. Dies ist jedoch nicht wahr, denn dieses Land ist, wie gesagt, Wüste gewesen - bis diese Helden unserer Zeit kamen und es tatsächlich schafften dort einige grüne Oasen zu errichten. Letztendlich wollen sie doch nur den dortigen Eingeborenen ein bisschen unter die Arme greifen, wie es bereits die eingangs erwähnten Pioniere in anderen Kontinente getan haben, die von uns allen als Helden bewundert werden. So stellt sich nun für mich die Frage: wie kann es sein, das etwas, das damals richtig war, heute falsch ist? Ich denke, dass dies nicht der Fall ist und wir diese Menschen als DIE Helden unserer Zeit ansehen müssen und sie in ihrer heiligen Mission in jeder Form unterstützen sollten…

Freitag, 23. November 2007

Auf einem Dach in Tel Aviv

Wieder einmal befinde ich mich auf dem Weg nach Tel Aviv. Das Auto, in dem ich sitze, fällt fast auseinander. Mihael, den ich schon von einer Party von vor drei Wochen am See Genezareth kenne und dem das Auto gehört, erzählt mir, dass es anscheinend zu viel Öl habe und es deshalb so stinken würde. Davon habe ich keine Ahnung, Autos sind nun mal nicht mein Thema. Allerdings vertraue ich Mihael einfach, als er sagt, ich solle mir keine Sorgen machen, falls während der Fahrt der Motor anfangen sollte zu qualmen. Darauf antworte ich dementsprechend nur, ich hätte meine Digicam dabei, also falls es dazu käme, könnten wir wenigstens dramatische Bilder von uns machen, wie wir brennend aus dem Auto flüchten…es ist eine sehr lustige Fahrt nach Tel Aviv.
Auf der Rückbank sitzen noch Emily und Cheli (Foto,v.l.) aus den Staaten, beide Studenten in Jerusalem. Seitdem Cheli eingestiegen ist redet sie ununterbrochen und lacht die ganze Zeit über ihre eigenen Witze und Geschichten. Nicht zu Unrecht, wie ich finde, es stört mich nicht, sie ist nicht eingebildet. Innerlich stimme ich ihr zu, als sie sagt „In a way I think I really have some self-confidence.“
Vielleicht ein ganz klein wenig…
Wir müssen nicht lange nach einem Parkplatz suchen. Kaum ins Auto eingestiegen, schon ist man wieder raus. Israel ist nicht sehr groß.
Es ist merklich kälter geworden in den letzten Tagen, aber ich nehme meine Jacke trotzdem nicht mit, weil ich irgendwann gelernt habe, dass man am Besten so wenig Ballast wie möglich in Discos sowie in Restaurants mitnimmt, um kein Garderobenproblem zu bekommen.
Die umliegenden Straßen sind von hässlichen Häuserwänden gesäumt, Neonlichtschilder und billig, dadurch schäbig aussehende Fressstände komplettieren das Bild einer heruntergekommenen Gegend.
Nie im Leben hätte ich die Tür zu dem Gebäude geöffnet, in das wir jetzt eintreten und in dem sich ein indisches Restaurant befinden soll.
Doch kaum schließt sich die Tür hinter mir dringt indische Musik in mein Ohr, tauche ich ein in eine bizarre Welt. Das Restaurant erstreckt sich über die beiden Stockwerke und auch auf dem Dach kann man sich zu Speis und Trank niederlassen.
Der erste und zweite Stock sind riesige Räume ohne jegliche Trennwände und ohne – Stühle. Zum Essen wird sich auf den Boden beziehungsweise bunt bezogene Matratzen gesetzt, die niedrige Holztische säumen.
Das gesamte Ambiente ist in indisch lockerem Stil gehalten, es herrscht eine sehr gemeinschaftliche Atmosphäre. Im ersten Stock streifen wir unsere Schuhe ab und stellen sie zu etlichen anderen Paaren, die darauf hinweisen, dass wir nicht die einzigen Gäste heute Abend sind. Nach blank polierten Schühchen sucht man hier vergeblich.
Wir steigen bis aufs Dach und werden direkt überschwänglich von den ersten Couchsurfern begrüßt. Schon jetzt: viele bekannte Gesichter von der Party am See Genezareth (Yam Kinneret), auch wenn mir manchmal die Namen dazu fehlen. Auch jetzt wieder gehen alle sehr herzlich miteinander um, auch wenn sich nicht alle kennen oder vielleicht erst ein paar Mal begegnet sind.
Das Dach ist mit Bastmatten gerahmt (dahinter ein Geländer für alle Fälle) und es hängen Lampionketten über unseren Köpfen.
Ich habe keine Ahnung, was auf den Karten für Essen angeboten ist, aber mein Gesprächspartner sagt mir, es gäbe sowieso nur drei Dishes zur Auswahl und alles wäre preiswert und lecker – und nicht zu scharf, wenn nicht gewünscht. Der Name des Gerichts ist sowieso unaussprechlich und so lasse ich für mich wählen. Nur bei der Wahl des Bieres will ich dann doch sicher sein und lasse mir die Entscheidung nicht abnehmen, unexotisch, aber lecker: Carlsberg.

Der Strom von Neuankömmlingen scheint gar nicht mehr abreißen zu wollen, alle paar Minuten müssen wir uns enger um die Tischchen quetschen. Die Kellner, die ihre Verwunderung über die seltsame Gruppe kaum verhehlen können, warnen lieber schon einmal: das mit dem Essen für jeden könnte länger dauern. Dabei wird in Sichtweite gekocht, in riesigen Töpfen und die Luft ist erfüllt von indischen Gewürzen, Gemüse (das Restaurant ist vegetarisch) und dem leichten Duft von Reis.
Zur Entspannung der Lage wird deshalb kostenlos Tschai-Tee ausgegossen, der wärmt zusätzlich zu den Decken, in die sich viele gemeinsam einmummeln.
Irgendwann dringt die Bedienung dann auch in meine Ecke vor und ruft laut auf Hebräisch. Near, ein Israeli, mit dem ich mich gerade unterhalte, übersetzt: Wir sollten ehrlich sein und nur nehmen, was wir auch bestellt haben und uns nicht für jemand anders ausgeben.
Da ich nicht übermäßig heiß drauf bin mir die Zunge zu zerstören bleibe ich lieber ehrlich und warte bis die Kellnerin meinen Namen ruft, den man eben zu diesem Zweck bei der Aufgabe der Bestellung angeben musste.
Das Essen ist wirklich lecker, aber auch nicht wirklich viel. Für den Preis von rund 30 Shekel, also rund fünf Euro, angemessen. Außerdem ist die Atmosphäre wirklich großartig, es wird gelacht und geredet, auf Hebräisch, Englisch, Ungarisch, Französisch und Spanisch. Hier und da ein Wörtchen auf Deutsch ist auch dabei: Es gibt überraschend viele Israelis, die schon einmal in Deutschland waren und deshalb ein bisschen Sprechen können. Itay zum Beispiel hat mir schon auf der Party am Yam Kinneret erzählt, dass er sich selber Deutsch beibringt und die Deutschen so angenehm ruhig und unaufgeregt findet. Dagegen die Israelis pflegten einen hektischen und stressigen Lebensstil. Dem kann ich nicht widersprechen.

Der Abend verstreicht. Ich spreche mit bekannten und bis dato unbekannten Leuten, aber es gibt auch Momente in denen ich nicht rede, sondern einfach nur an meinem Tschai oder Bier nippe und die Szenerie beobachte. Fröhliche Menschen. Auf einer Wand ist das Wort „positivity“ in saftigem Rot aufgemalt. Viel mehr muss man nicht hinzufügen.
Irgendwann kommt Noa zu mir, mit der Bitte wie schon am Yam Kinneret auf Deutsch „Alles Gute zum Geburtstag“ zu singen, diesmal für Julie, die heute Geburtstag hat. Diesmal bin ich allerdings der einzige Deutsche des Abends, das letzte Mal waren wir zu Viert…stimme aber trotzdem zu. Itay will mir helfen.
Ein paar Minuten später ist es dann so weit: Die anwesenden Vertreter der verschiedenen Länder singen hintereinander ein kurzes Ständchen und auch Itays und mein Auftritt geht gut.

Irgendwann neigt sich der Abend dem Ende zu und gegen halb Eins fahren wir zurück nach Jerusalem. Mihael, Cheli, Emily und Ivo.
Wieder einmal nehme ich viel mit. Unter anderem, ganz hedonistisch, die Telefonnummer von Shy, der Mitglied der „Israeli Astronomy Association“ ist und Mitte Dezember in den Negev geht, um sich einen Sternschnuppenregen anzuschauen. Na und da geh ich doch gerne mit, wenn’s der Zeitplan erlaubt. Außerdem noch das gute Gefühl, einer der Kellnerinnen über Couchsurfing erzählt und sie total davon begeistert zu haben.

Samstag, 3. November 2007

die kolumne: max meint [01]

Maximilian Lauterbach, selbsternannter Berliner Spitzenabiturient, momentan aber als Zivi der Depp vom Dienst, schreibt von jetzt an regelmäßig, wohl aber leider eher unregelmäßig auf durchmeineaugen.

In meinem ersten Gastkommentar möchte ich über ein aktuell sehr gravierendes Problem sprechen. Es ist, wie auch nicht anders zu erwarten, das Klima.

Auch in Israel, wo sich die großen Probleme unserer Welt auf einen winzigen Flecken Land zu konzentrieren scheinen, muss über das Klima gesprochen werden!

Dabei spreche ich nicht nur das generelle Klima an, das sich auch hier ändert, da der große alljährliche, ja fast schon monsunartige Regen ausbleibt, sondern auch das Klima im Speziellen. Wie zum Beispiel in einer von mir völlig zufällig ausgewählten WG in Jerusalem. Auch hier scheint es völlig in Ordnung zu sein, sieht man jedoch ganz genau hin, erkennt man, dass sich immer wieder, ohne jegliche Vorwarnungen, quasi explosionsartig, gewaltige Energien entladen. Fast könnte man dazu verleitet sein diese als reinigende Gewitter abzutun. Aber NEIN!!! MITNICHTEN!!! Besonders im kleinen Maßstab lässt sich der Klimawandel erkennen, denn wo einst Eitelsonnenschein herrschte, droht nun das unbeschreibliche Chaos, mit den typischen Begleiterscheinungen à la Migration, Konflikte, möglicherweise auch bewaffnet und so weiter.....

Doch was ist zu tun? Ist dieser Prozess überhaupt noch kontrollierbar und die Menschheit beziehungsweise diese kleine WG noch zu retten? Ich meine: JA!!!

Wir ALLE können etwas dazu beitragen, was genau muss jeder selbst wissen, aber, fest steht, der Wandel des Wandels ist und bleibt möglich!

Darum nehmt euer Herz in die Hand und tut etwas!!!

Bei Fragen, Anregungen, Kritik, oder vielleicht auch Lob: MadMax15@hotmail.de

Freitag, 2. November 2007

Arbeit, Leben, Zukunft

Gestern bin ich von einem viertägigen Ausflug nach Eilat zurückgekommen. Eilat liegt an der Küste des Roten Meeres, ist meinem Wissen nach die südlichste Stadt Israels und nur einen Katzensprung von Jordanien und Ägypten entfernt.

Allerdings war dieser Ausflug kein privater, sondern einer für die Worker, Volontäre und Residents der drei Apartments des „SHEKEL Community Living Programs“ in Jerusalem, sprich: Zeelin (dort arbeite ich), Siggalit und Halamit.

Für mich ist dies in so fern von Bedeutung gewesen, als das es bedeutete, dass ich anstatt Schicht- 24-Stunden Dauerarbeit zu verrichten hatte und mir diese kleine Reise als Urlaub verkauft wurde…

Ja sicher ist es schön in Eilat! Schöner Strand, tolles Meer, atemberaubende Unterwasserwelt – ideal fürs „snorkling“ – und vermutlich auch nicht zu verachtende Clubs mit geiler Musik, ABER bitte was bringt mir das, wenn ich so gut wie keine Freizeit habe und abends eigentlich auch nicht weggehen kann, weil die Kids bei uns in den Betten schlafen?

Geneigter Leser, du liegst richtig in der Annahme, dass ich hier grade im Begriff bin mir meinen Frust von der Seele zu schreiben.

Doch im Grunde möchte ich gar nicht ausschweifend über diesen Reinfall alias „vacation in Eilat“ berichten, da ich momentan eigentlich dabei bin, es mir abzugewöhnen, lange über verschwendete und geklaute Zeit den Kopf zu zerbrechen.

Deshalb hier ein kleines Update zu meinem Arbeitsleben.

Insgesamt fühle ich mich immer mehr verwachsen mit den Kindern, den Workern und der Arbeit als solcher.

Im Laufe der Zeit habe ich immer mehr Wissen über meinen Arbeitsplatz und den Umgang mit den Kindern gewonnen. Wissen, das hört sich irgendwie noch zu kalt an. Vielleicht wäre es mit den Ausdrücken Einblick oder Verständnis besser beschrieben, denn es handelt sich um einen Vorgang, der primär den Umgang mit Menschen und die Entwicklung sozialer Bindungen beschreibt.

Wenn ich mich jetzt daran erinnere, wie ich in der ersten Woche Siggalit und Zeelin besichtigt und mit welchen Augen ich die Kinder und Worker betrachtet habe, dann merke ich, wie viel mehr ich mich ihnen allen genähert habe und wie sehr sie mir schon ans Herz gewachsen sind.

Man kann sich schon in zu Hause vornehmen, in dem neuen Land offen mit den Menschen umzugehen und viele neue Erfahrungen zu machen, letztendlich entscheidet sich dann doch vor Ort aus der Situation heraus, aus den Erfahrungen und Erlebnissen des alltäglichen Lebens, in wie weit man mit dem neuen Leben zurecht kommt und wie man ihm begegnet.

Der Alltag auf Arbeit macht mir großteils wirklich unglaublich Spaß und mir wird immer mehr bewusst, wie sehr einem abwechslungsreiche Arbeit Halt und Zufriedenheit geben kann, wenn man sie gut macht.

Man muss lernen, zwischen den Zeilen zu lesen und man wird automatisch sensibler für Kleinigkeiten. Ich bin zum Beispiel immer wieder beeindruckt, wie gut unsere Worker die Kinder kennen: sagen wir, Ami schreit mal wieder nur rum und ist kaum zu beruhigen und ich beginne die Nerven zu verlieren. Malek oder Rita begutachten ihn dann ein paar Sekunden und sagen “geh’ mit ihm laufen“ oder „wechsle ihm die Windel, dann ist er wieder ruhig“.

Meistens klappt’s.

Bei Licht besehen sind das keine großen Sachen, die sie da machen, aber ich spüre einfach, dass sie die Verhaltensweisen, die Charaktere der Kinder einfach schon so gut kennen, dass sie wirklich meistens sofort wissen, was sie brauchen oder wollen.

Ich würde mir auf jeden Fall wünschen, dass ich diese Fähigkeit im Laufe des Jahres auch weiter entwickeln werde. Angefangen damit habe ich schon.

Auch das Verhältnis zu den Workern verändert sich ständig. Man hängt halt viel aufeinander und verbringt viel Zeit miteinander. Persönliches bleibt da, wie wohl bei fast jeder Arbeitsbeziehung, nicht aus. Der jüngste Ausflug nach Eilat, sei er noch so beschissen für mich gelaufen, hat mein Bild von Rita und Malek wieder verändert. Malek, sonst sehr auf akkurates Arbeiten und Disziplin aus, war extrem lässig und hat über Versäumnisse und Fehler auf Seiten der Volontäre wohlwollend hinweggeblickt und die Sache locker genommen, dass es zu erst nicht glauben konnte.

Rita dagegen, unsere russisch-stämmige, wohlgenährte Hausmama, die ansonsten wirklich friedliebend und ausgeglichen ist, hat viel rumgemäckelt und kritisiert.

Rollentausch, sozusagen.

Jetzt bin ich echt gespannt, wie es sich verhält, wenn ich wieder arbeiten muss, ob’s so bleibt oder wieder die alten Rollen eingenommen werden (wovon ich erstmal ausgehe).

Es ist insgesamt einfach wahnsinnig spannend, was für verschiedene Menschen ich hier kennen lerne.

Letztens auf dem Volontärsseminar in Haifa die vielen Volontäre vom Deutsch-Israelischen Verein, die in ganz Israel verstreut die unterschiedlichsten Arbeiten machen. Danach die dreitägige Party am See Genezareth mit gut 60 Leuten aus aller Welt: Israel, USA, Frankreich, Spanien, Kanada, Italien, Ungarn und Deutschland.

Alle waren sehr offen, konnten gut Englisch und hatten Lust auf eine schöne Zeit und gute Gespräche in einer lockeren Atmosphäre und mit leckerem Essen.

Ich habe wirklich keine große Angst hier zu vereinsamen, eher, zu wenig Privatsphäre zu haben, die ich wirklich brauche um nachzudenken und einfach meine Gedanken schweifen zu lassen…über dies und das. Und manchmal auch jenes.

Da der Titel dieser Schrift ja auch unter anderem das schöne Wörtchen „Zukunft“ enthält will ich nicht damit hinter dem Berg halten, was es damit auf sich hat.

Also, ich bin nun gut zwei Monate hier. Oder anders: Raus aus Deutschland, raus aus der Schule (klar, schon länger, aber Schule ist ja nicht mit dem Abschlusszeugnis zu Ende) und ja, auch irgendwie raus aus meinem Teenagerdasein.

Es wäre nicht falsch zu behaupten, dass dieses Jahr jetzt schon als Zäsur in meinem Leben zu betrachten ist.

Mich durchströmt hier immer wieder eine ziemlich starke Inspiration und Kraft, die mich positiv in die Zukunft blicken lässt. Konkret heißt das, dass ich jetzt schon Pläne im Kopf habe, die zwar noch sehr vage sind, aber immerhin da, was ich nach diesen 12 Monaten Zivildienstersatz (DAS soll mein Zivildienst sein? Ich dachte, der sei langweilig! Danke, Deutschland!!!) machen werde.

Momentan gehen diese Pläne sehr stark an Deutschland vorbei in Richtung weiter reisen in weitere Länder. Die vorläufigen Wunschziele sind dabei Vietnam, Indien, China, Japan und die USA (sehr frisch hinzugekommen). Im Grunde aber eignet sich so ziemlich jedes Land für die Erfüllung meiner Reisepläne, weshalb ich froh bin noch knapp 10 Monate zu haben, um mich mit dieser äußerst unangenehmen (…) Frage auseinander zu setzen.

Ach ja, da war ja noch etwas, wofür man in der Regel sein Abitur macht…das Studium. Irgendwo muss das eben auch noch untergebracht werden, aber dann auch wieder im Ausland und so eilig hab ich’s damit wirklich erstmal nicht.

Vorerst würd’ ich lieber noch gerne ein wenig rastlos und naiv durch die Welt hüpfen und mir mein eigenes Bild von eben jener machen, getreu nach Janosch „Ach, wie schön ist Panama!“

Samstag, 13. Oktober 2007

Ramallah

Ich sitze mit Patrick und Hans im Serveez. Linie 18, eine von denen mit den drei grünen Streifen auf der Motorhaube.
Die Fahrt wird nicht lange dauern, gut eine Dreiviertelstunde. Wir sind erst wenige Minuten gefahren, haben gerade das Government Quarter hinter uns gelassen, schon verändert sich die Landschaft um uns herum Schlag auf Schlag: Die Straßen werden schlechter, der Fahrer fährt zum Teil langsamer wegen der vielen Schlaglöcher und der riesigen Steinbrocken, die sich auf der Fahrbahn tummeln anstatt Bestandteil eben dieser zu sein.
Es wird irgendwie karg um uns herum, kaputt und dreckig. Mir schießt in den Kopf, dass dies eine Gegend ist, in der es Ratten und Ungeziefer bestimmt sehr gefallen muss.
Ein Stück fahren wir an einer Mauer aus hohen Betonplatten vorbei. Ich bin mir nicht sicher, ob es „die“ Mauer ist, aber das ist grade für mich nicht wichtig.
Mich beeindruckt diese Mauer so oder so: Massiv, grau und berghoch steht sie da und hat in diesem Moment nur eine Aussage für mich: den Entzug von Freiheit.
Fast schon entspannend wirken die Werbetafeln, die an der mauer angebracht sind und irgendwie symbolisieren, dass jene, deren Freiheit beschnitten wird, auf eine weise selbst diese gegen sie errichtete mauer nutzbar gemacht und damit entschärft haben.

Wir steigen aus und stehen sofort im Zentrum von Ramallah. Es herrscht dichtes Gedränge, die Autos quälen sich im Schritttempo durch die Straßen, die, das fällt sofort auf, hauptsächlich von (jungen) Männern bevölkert sind.
Wir gehen Shwarma essen, in einer Bude, die uns die letzte Vologeneration noch gezeigt hat. Auf unserem kurzen Weg dorthin sauge ich die Eindrücke der Straße in mir auf. An den Wänden hängen vergilbte Wahlplakate, Fatah oder Hamas, dass kann ich nicht erkennen. Auf den Plakaten sind groß die ernst dreinblickenden Gesichter der Kandidaten abgedruckt. Es kleben auch noch andere Poster an den Wänden, auf denen deutlich jüngere Gesichter zu sehen sind. Es sind die Gesichter von Märtyrern, die sich in Israel selbst in die Luft gesprengt haben.
Die Jungen müssen so alt wie ich, vielleicht 2, 3 Jahre älter gewesen sein.
Nichts von Wichtigkeit, aber irgendwie wollte ich es nur erwähnt haben: als wir also unser Shwarma am Verschlingen sind werde ich entjungfert: ich sehe das erste Mal in meinem Leben eine AK 47 neben mir herumlaufen. An die M16 Sturmgewehre bin ich ja schon gewöhnt, aber die AK 47 hat nun mal einen etwas anderen Ruf, als jede andere Wumme auf der Welt. Deutsche Waffen sind bekannt für gute Verarbeitung und Qualität, amerikanische haben ordentlich Wumms unterm Hintern und stehen den Marines, sowie den israelischen Soldaten einfach gut zu Gesicht, schinden Eindruck. Eine AK aber ist rau, hat etwas von Guerilla, Auf- und Widerstand.
Alles Begriffe, die mit diesem Fleckchen Erde natürlich kaum etwas zu tun haben…nicht.

Im Grunde sehe ich wirklich kaum etwas von der Stadt, aber mein Gesamteindruck ist, dass es an Struktur und Ordnung an allen Enden und Ecken fehlt. Ich fühle mich unwohl in dieser Atmosphäre, die ich so schwer beschreiben kann.
Es gibt viele Restaurants, Imbisse, Snackbuden, Apotheken und Handy- sowie Läden für Kameras, es herrscht reges Treiben. Aber all dieses Treiben findet in einer meinem Eindruck nach sehr aggressiven Art und Weise statt. Zudem ist das Stadtbild nun mal einfach hässlich und der Dreck und Schmutz scheint aus Boden und Wänden herauszuquellen.
Nach dem Essen gehen wir in ein Internetcafé im 6. Stock eines Hauses, mit Blick auf diese trostlos lebendige Stadt. Hier ist es ruhig, die Klimaanlage läuft. Es sind nur wenige Meter, die mich von diesem Gewimmel da unten trennen. Wenn man aus dem Fenster springen würde, wäre man in 2,3 Sekunden da.
Es ist sehr angenehm hier oben zu sein. Ich habe nichts Wichtiges im Netz zu erledigen und so ist wohl das einzig Wichtige was in dieser Zeit passiert, dass mir auffällt, wie schön ich es nach wenigen Minuten Ramallah finde, dieser Stadt zu entfliehen.
Nach der Internetsession geht’s noch einen Stock höher in eine Shisha-Hölle. Der ganze oberste Stock ist mit Tischen, Stühlen und Shishas voll gestellt. Wirklich eine Menge Shishas.
Einige sind bestimmt einen Meter hoch, vielleicht höher, ich kann das nicht so gut einschätzen.
Was ich noch nie davor gesehen habe: statt regulärer Köpfchen (Teil der Shisha, die mit Tabak gefüllt wird) werden teilweise ausgehöhlte Äpfel benutzt. Wir können nur mutmaßen, dass diese Maßnahme das Geschmackserlebnis irgendwie positiv beeinflussen soll.
Dazu bestellen wir drei Tee, die wir in kleinen Bierhumpen aus Glas serviert bekommen. Es ist die von mir so verhasste scheiß Lipton-Beuteltee-Variante, den man dauernd angedreht bekommt.
Ja, auch so eine Kleinigkeit trägt dazu bei, meine Laune noch weiter zu verschlechtern, da bin ich manchmal einfach ziemlich pingelig.

Wir rauchen nicht lange Shisha. Draußen wird es in dieser Zeit jedoch schon wieder im gewohnt rasanten Tempo dunkel, was die Atmosphäre nicht sympathischer macht.
Früh anbrechende Nacht.
Ich bin schon den ganzen Tag müde, obwohl ich endlich mal wieder früh ins Bett gegangen bin und eigentlich genug geschlafen habe.
Wovon bin ich so müde? Vielleicht sind es gar nicht die letzten Tage, sondern auch dieser kurze Ausflug. Kurz, aber anstrengend. Traurig machend. Irgendwie.

Zum Schluss ein Lichtblick.
Der Verkäufer im Shishaladen, bei dem wir unsere Tabakvorräte auffüllen (zwei Mal Apfel-, ein Mal Multivitamintabak) spricht mit uns in sehr gutem Deutsch mit uns. Er hat 10 Jahre in Deutschland gelebt, dort studiert. Warum er nach einem Studium in Deutschland Verkäufer in einem Laden für Shishas ist erschließt sich mir nicht.
Der Lichtblickaspekt für mich ist ganz einfach die Freundlichkeit, die dieser Mann ausstrahlt. Kontrastprogramm zum Leben, das mich außerhalb des Ladens anschreit.

Ich freue mich, als die Straßen wieder besser werden und mir das mittlerweile vertraute Jerusalem entgegen springt. Nach diesem Ausflug denke ich reflexartig: dahin willst du so schnell nicht wieder. Gleichzeitig stellt sich ein Gegenreflex ein, der mir befiehlt zurückzukommen und diese Stadt noch einmal (anders) zu erleben.
Wir werden sehen, welcher Reflex stärker ist.