Freitag, 23. November 2007
Auf einem Dach in Tel Aviv
Auf der Rückbank sitzen noch Emily und Cheli (Foto,v.l.) aus den Staaten, beide Studenten in Jerusalem. Seitdem Cheli eingestiegen ist redet sie ununterbrochen und lacht die ganze Zeit über ihre eigenen Witze und Geschichten. Nicht zu Unrecht, wie ich finde, es stört mich nicht, sie ist nicht eingebildet. Innerlich stimme ich ihr zu, als sie sagt „In a way I think I really have some self-confidence.“
Vielleicht ein ganz klein wenig…
Wir müssen nicht lange nach einem Parkplatz suchen. Kaum ins Auto eingestiegen, schon ist man wieder raus. Israel ist nicht sehr groß.
Es ist merklich kälter geworden in den letzten Tagen, aber ich nehme meine Jacke trotzdem nicht mit, weil ich irgendwann gelernt habe, dass man am Besten so wenig Ballast wie möglich in Discos sowie in Restaurants mitnimmt, um kein Garderobenproblem zu bekommen.
Die umliegenden Straßen sind von hässlichen Häuserwänden gesäumt, Neonlichtschilder und billig, dadurch schäbig aussehende Fressstände komplettieren das Bild einer heruntergekommenen Gegend.
Nie im Leben hätte ich die Tür zu dem Gebäude geöffnet, in das wir jetzt eintreten und in dem sich ein indisches Restaurant befinden soll.
Doch kaum schließt sich die Tür hinter mir dringt indische Musik in mein Ohr, tauche ich ein in eine bizarre Welt. Das Restaurant erstreckt sich über die beiden Stockwerke und auch auf dem Dach kann man sich zu Speis und Trank niederlassen.
Der erste und zweite Stock sind riesige Räume ohne jegliche Trennwände und ohne – Stühle. Zum Essen wird sich auf den Boden beziehungsweise bunt bezogene Matratzen gesetzt, die niedrige Holztische säumen.
Das gesamte Ambiente ist in indisch lockerem Stil gehalten, es herrscht eine sehr gemeinschaftliche Atmosphäre. Im ersten Stock streifen wir unsere Schuhe ab und stellen sie zu etlichen anderen Paaren, die darauf hinweisen, dass wir nicht die einzigen Gäste heute Abend sind. Nach blank polierten Schühchen sucht man hier vergeblich.
Wir steigen bis aufs Dach und werden direkt überschwänglich von den ersten Couchsurfern begrüßt. Schon jetzt: viele bekannte Gesichter von der Party am See Genezareth (Yam Kinneret), auch wenn mir manchmal die Namen dazu fehlen. Auch jetzt wieder gehen alle sehr herzlich miteinander um, auch wenn sich nicht alle kennen oder vielleicht erst ein paar Mal begegnet sind.
Das Dach ist mit Bastmatten gerahmt (dahinter ein Geländer für alle Fälle) und es hängen Lampionketten über unseren Köpfen.
Ich habe keine Ahnung, was auf den Karten für Essen angeboten ist, aber mein Gesprächspartner sagt mir, es gäbe sowieso nur drei Dishes zur Auswahl und alles wäre preiswert und lecker – und nicht zu scharf, wenn nicht gewünscht. Der Name des Gerichts ist sowieso unaussprechlich und so lasse ich für mich wählen. Nur bei der Wahl des Bieres will ich dann doch sicher sein und lasse mir die Entscheidung nicht abnehmen, unexotisch, aber lecker: Carlsberg.
Der Strom von Neuankömmlingen scheint gar nicht mehr abreißen zu wollen, alle paar Minuten müssen wir uns enger um die Tischchen quetschen. Die Kellner, die ihre Verwunderung über die seltsame Gruppe kaum verhehlen können, warnen lieber schon einmal: das mit dem Essen für jeden könnte länger dauern. Dabei wird in Sichtweite gekocht, in riesigen Töpfen und die Luft ist erfüllt von indischen Gewürzen, Gemüse (das Restaurant ist vegetarisch) und dem leichten Duft von Reis.
Zur Entspannung der Lage wird deshalb kostenlos Tschai-Tee ausgegossen, der wärmt zusätzlich zu den Decken, in die sich viele gemeinsam einmummeln.
Irgendwann dringt die Bedienung dann auch in meine Ecke vor und ruft laut auf Hebräisch. Near, ein Israeli, mit dem ich mich gerade unterhalte, übersetzt: Wir sollten ehrlich sein und nur nehmen, was wir auch bestellt haben und uns nicht für jemand anders ausgeben.
Da ich nicht übermäßig heiß drauf bin mir die Zunge zu zerstören bleibe ich lieber ehrlich und warte bis die Kellnerin meinen Namen ruft, den man eben zu diesem Zweck bei der Aufgabe der Bestellung angeben musste.
Das Essen ist wirklich lecker, aber auch nicht wirklich viel. Für den Preis von rund 30 Shekel, also rund fünf Euro, angemessen. Außerdem ist die Atmosphäre wirklich großartig, es wird gelacht und geredet, auf Hebräisch, Englisch, Ungarisch, Französisch und Spanisch. Hier und da ein Wörtchen auf Deutsch ist auch dabei: Es gibt überraschend viele Israelis, die schon einmal in Deutschland waren und deshalb ein bisschen Sprechen können. Itay zum Beispiel hat mir schon auf der Party am Yam Kinneret erzählt, dass er sich selber Deutsch beibringt und die Deutschen so angenehm ruhig und unaufgeregt findet. Dagegen die Israelis pflegten einen hektischen und stressigen Lebensstil. Dem kann ich nicht widersprechen.
Der Abend verstreicht. Ich spreche mit bekannten und bis dato unbekannten Leuten, aber es gibt auch Momente in denen ich nicht rede, sondern einfach nur an meinem Tschai oder Bier nippe und die Szenerie beobachte. Fröhliche Menschen. Auf einer Wand ist das Wort „positivity“ in saftigem Rot aufgemalt. Viel mehr muss man nicht hinzufügen.
Irgendwann kommt Noa zu mir, mit der Bitte wie schon am Yam Kinneret auf Deutsch „Alles Gute zum Geburtstag“ zu singen, diesmal für Julie, die heute Geburtstag hat. Diesmal bin ich allerdings der einzige Deutsche des Abends, das letzte Mal waren wir zu Viert…stimme aber trotzdem zu. Itay will mir helfen.
Ein paar Minuten später ist es dann so weit: Die anwesenden Vertreter der verschiedenen Länder singen hintereinander ein kurzes Ständchen und auch Itays und mein Auftritt geht gut.
Irgendwann neigt sich der Abend dem Ende zu und gegen halb Eins fahren wir zurück nach Jerusalem. Mihael, Cheli, Emily und Ivo.
Wieder einmal nehme ich viel mit. Unter anderem, ganz hedonistisch, die Telefonnummer von Shy, der Mitglied der „Israeli Astronomy Association“ ist und Mitte Dezember in den Negev geht, um sich einen Sternschnuppenregen anzuschauen. Na und da geh ich doch gerne mit, wenn’s der Zeitplan erlaubt. Außerdem noch das gute Gefühl, einer der Kellnerinnen über Couchsurfing erzählt und sie total davon begeistert zu haben.
Samstag, 3. November 2007
die kolumne: max meint [01]
In meinem ersten Gastkommentar möchte ich über ein aktuell sehr gravierendes Problem sprechen. Es ist, wie auch nicht anders zu erwarten, das Klima.
Auch in Israel, wo sich die großen Probleme unserer Welt auf einen winzigen Flecken Land zu konzentrieren scheinen, muss über das Klima gesprochen werden!
Dabei spreche ich nicht nur das generelle Klima an, das sich auch hier ändert, da der große alljährliche, ja fast schon monsunartige Regen ausbleibt, sondern auch das Klima im Speziellen. Wie zum Beispiel in einer von mir völlig zufällig ausgewählten WG in Jerusalem. Auch hier scheint es völlig in Ordnung zu sein, sieht man jedoch ganz genau hin, erkennt man, dass sich immer wieder, ohne jegliche Vorwarnungen, quasi explosionsartig, gewaltige Energien entladen. Fast könnte man dazu verleitet sein diese als reinigende Gewitter abzutun. Aber NEIN!!! MITNICHTEN!!! Besonders im kleinen Maßstab lässt sich der Klimawandel erkennen, denn wo einst Eitelsonnenschein herrschte, droht nun das unbeschreibliche Chaos, mit den typischen Begleiterscheinungen à la Migration, Konflikte, möglicherweise auch bewaffnet und so weiter.....
Doch was ist zu tun? Ist dieser Prozess überhaupt noch kontrollierbar und die Menschheit beziehungsweise diese kleine WG noch zu retten? Ich meine: JA!!!
Wir ALLE können etwas dazu beitragen, was genau muss jeder selbst wissen, aber, fest steht, der Wandel des Wandels ist und bleibt möglich!
Darum nehmt euer Herz in die Hand und tut etwas!!!
Bei Fragen, Anregungen, Kritik, oder vielleicht auch Lob: MadMax15@hotmail.de
Freitag, 2. November 2007
Arbeit, Leben, Zukunft
Gestern bin ich von einem viertägigen Ausflug nach Eilat zurückgekommen. Eilat liegt an der Küste des Roten Meeres, ist meinem Wissen nach die südlichste Stadt Israels und nur einen Katzensprung von Jordanien und Ägypten entfernt.
Allerdings war dieser Ausflug kein privater, sondern einer für die Worker, Volontäre und Residents der drei Apartments des „SHEKEL Community Living Programs“ in Jerusalem, sprich: Zeelin (dort arbeite ich), Siggalit und Halamit.
Für mich ist dies in so fern von Bedeutung gewesen, als das es bedeutete, dass ich anstatt Schicht- 24-Stunden Dauerarbeit zu verrichten hatte und mir diese kleine Reise als Urlaub verkauft wurde…
Ja sicher ist es schön in Eilat! Schöner Strand, tolles Meer, atemberaubende Unterwasserwelt – ideal fürs „snorkling“ – und vermutlich auch nicht zu verachtende Clubs mit geiler Musik, ABER bitte was bringt mir das, wenn ich so gut wie keine Freizeit habe und abends eigentlich auch nicht weggehen kann, weil die Kids bei uns in den Betten schlafen?
Geneigter Leser, du liegst richtig in der Annahme, dass ich hier grade im Begriff bin mir meinen Frust von der Seele zu schreiben.
Doch im Grunde möchte ich gar nicht ausschweifend über diesen Reinfall alias „vacation in Eilat“ berichten, da ich momentan eigentlich dabei bin, es mir abzugewöhnen, lange über verschwendete und geklaute Zeit den Kopf zu zerbrechen.
Deshalb hier ein kleines Update zu meinem Arbeitsleben.
Insgesamt fühle ich mich immer mehr verwachsen mit den Kindern, den Workern und der Arbeit als solcher.
Im Laufe der Zeit habe ich immer mehr Wissen über meinen Arbeitsplatz und den Umgang mit den Kindern gewonnen. Wissen, das hört sich irgendwie noch zu kalt an. Vielleicht wäre es mit den Ausdrücken Einblick oder Verständnis besser beschrieben, denn es handelt sich um einen Vorgang, der primär den Umgang mit Menschen und die Entwicklung sozialer Bindungen beschreibt.
Wenn ich mich jetzt daran erinnere, wie ich in der ersten Woche Siggalit und Zeelin besichtigt und mit welchen Augen ich die Kinder und Worker betrachtet habe, dann merke ich, wie viel mehr ich mich ihnen allen genähert habe und wie sehr sie mir schon ans Herz gewachsen sind.
Man kann sich schon in zu Hause vornehmen, in dem neuen Land offen mit den Menschen umzugehen und viele neue Erfahrungen zu machen, letztendlich entscheidet sich dann doch vor Ort aus der Situation heraus, aus den Erfahrungen und Erlebnissen des alltäglichen Lebens, in wie weit man mit dem neuen Leben zurecht kommt und wie man ihm begegnet.
Der Alltag auf Arbeit macht mir großteils wirklich unglaublich Spaß und mir wird immer mehr bewusst, wie sehr einem abwechslungsreiche Arbeit Halt und Zufriedenheit geben kann, wenn man sie gut macht.
Man muss lernen, zwischen den Zeilen zu lesen und man wird automatisch sensibler für Kleinigkeiten. Ich bin zum Beispiel immer wieder beeindruckt, wie gut unsere Worker die Kinder kennen: sagen wir, Ami schreit mal wieder nur rum und ist kaum zu beruhigen und ich beginne die Nerven zu verlieren. Malek oder Rita begutachten ihn dann ein paar Sekunden und sagen “geh’ mit ihm laufen“ oder „wechsle ihm die Windel, dann ist er wieder ruhig“.
Meistens klappt’s.
Bei Licht besehen sind das keine großen Sachen, die sie da machen, aber ich spüre einfach, dass sie die Verhaltensweisen, die Charaktere der Kinder einfach schon so gut kennen, dass sie wirklich meistens sofort wissen, was sie brauchen oder wollen.
Ich würde mir auf jeden Fall wünschen, dass ich diese Fähigkeit im Laufe des Jahres auch weiter entwickeln werde. Angefangen damit habe ich schon.
Auch das Verhältnis zu den Workern verändert sich ständig. Man hängt halt viel aufeinander und verbringt viel Zeit miteinander. Persönliches bleibt da, wie wohl bei fast jeder Arbeitsbeziehung, nicht aus. Der jüngste Ausflug nach Eilat, sei er noch so beschissen für mich gelaufen, hat mein Bild von Rita und Malek wieder verändert. Malek, sonst sehr auf akkurates Arbeiten und Disziplin aus, war extrem lässig und hat über Versäumnisse und Fehler auf Seiten der Volontäre wohlwollend hinweggeblickt und die Sache locker genommen, dass es zu erst nicht glauben konnte.
Rita dagegen, unsere russisch-stämmige, wohlgenährte Hausmama, die ansonsten wirklich friedliebend und ausgeglichen ist, hat viel rumgemäckelt und kritisiert.
Rollentausch, sozusagen.
Jetzt bin ich echt gespannt, wie es sich verhält, wenn ich wieder arbeiten muss, ob’s so bleibt oder wieder die alten Rollen eingenommen werden (wovon ich erstmal ausgehe).
Es ist insgesamt einfach wahnsinnig spannend, was für verschiedene Menschen ich hier kennen lerne.
Letztens auf dem Volontärsseminar in Haifa die vielen Volontäre vom Deutsch-Israelischen Verein, die in ganz Israel verstreut die unterschiedlichsten Arbeiten machen. Danach die dreitägige Party am See Genezareth mit gut 60 Leuten aus aller Welt: Israel, USA, Frankreich, Spanien, Kanada, Italien, Ungarn und Deutschland.
Alle waren sehr offen, konnten gut Englisch und hatten Lust auf eine schöne Zeit und gute Gespräche in einer lockeren Atmosphäre und mit leckerem Essen.
Ich habe wirklich keine große Angst hier zu vereinsamen, eher, zu wenig Privatsphäre zu haben, die ich wirklich brauche um nachzudenken und einfach meine Gedanken schweifen zu lassen…über dies und das. Und manchmal auch jenes.
Da der Titel dieser Schrift ja auch unter anderem das schöne Wörtchen „Zukunft“ enthält will ich nicht damit hinter dem Berg halten, was es damit auf sich hat.
Also, ich bin nun gut zwei Monate hier. Oder anders: Raus aus Deutschland, raus aus der Schule (klar, schon länger, aber Schule ist ja nicht mit dem Abschlusszeugnis zu Ende) und ja, auch irgendwie raus aus meinem Teenagerdasein.
Es wäre nicht falsch zu behaupten, dass dieses Jahr jetzt schon als Zäsur in meinem Leben zu betrachten ist.
Mich durchströmt hier immer wieder eine ziemlich starke Inspiration und Kraft, die mich positiv in die Zukunft blicken lässt. Konkret heißt das, dass ich jetzt schon Pläne im Kopf habe, die zwar noch sehr vage sind, aber immerhin da, was ich nach diesen 12 Monaten Zivildienstersatz (DAS soll mein Zivildienst sein? Ich dachte, der sei langweilig! Danke, Deutschland!!!) machen werde.
Momentan gehen diese Pläne sehr stark an Deutschland vorbei in Richtung weiter reisen in weitere Länder. Die vorläufigen Wunschziele sind dabei Vietnam, Indien, China, Japan und die USA (sehr frisch hinzugekommen). Im Grunde aber eignet sich so ziemlich jedes Land für die Erfüllung meiner Reisepläne, weshalb ich froh bin noch knapp 10 Monate zu haben, um mich mit dieser äußerst unangenehmen (…) Frage auseinander zu setzen.
Ach ja, da war ja noch etwas, wofür man in der Regel sein Abitur macht…das Studium. Irgendwo muss das eben auch noch untergebracht werden, aber dann auch wieder im Ausland und so eilig hab ich’s damit wirklich erstmal nicht.
Vorerst würd’ ich lieber noch gerne ein wenig rastlos und naiv durch die Welt hüpfen und mir mein eigenes Bild von eben jener machen, getreu nach Janosch „Ach, wie schön ist Panama!“
Samstag, 13. Oktober 2007
Ramallah
Die Fahrt wird nicht lange dauern, gut eine Dreiviertelstunde. Wir sind erst wenige Minuten gefahren, haben gerade das Government Quarter hinter uns gelassen, schon verändert sich die Landschaft um uns herum Schlag auf Schlag: Die Straßen werden schlechter, der Fahrer fährt zum Teil langsamer wegen der vielen Schlaglöcher und der riesigen Steinbrocken, die sich auf der Fahrbahn tummeln anstatt Bestandteil eben dieser zu sein.
Es wird irgendwie karg um uns herum, kaputt und dreckig. Mir schießt in den Kopf, dass dies eine Gegend ist, in der es Ratten und Ungeziefer bestimmt sehr gefallen muss.
Ein Stück fahren wir an einer Mauer aus hohen Betonplatten vorbei. Ich bin mir nicht sicher, ob es „die“ Mauer ist, aber das ist grade für mich nicht wichtig.
Mich beeindruckt diese Mauer so oder so: Massiv, grau und berghoch steht sie da und hat in diesem Moment nur eine Aussage für mich: den Entzug von Freiheit.
Fast schon entspannend wirken die Werbetafeln, die an der mauer angebracht sind und irgendwie symbolisieren, dass jene, deren Freiheit beschnitten wird, auf eine weise selbst diese gegen sie errichtete mauer nutzbar gemacht und damit entschärft haben.
Wir steigen aus und stehen sofort im Zentrum von Ramallah. Es herrscht dichtes Gedränge, die Autos quälen sich im Schritttempo durch die Straßen, die, das fällt sofort auf, hauptsächlich von (jungen) Männern bevölkert sind.
Wir gehen Shwarma essen, in einer Bude, die uns die letzte Vologeneration noch gezeigt hat. Auf unserem kurzen Weg dorthin sauge ich die Eindrücke der Straße in mir auf. An den Wänden hängen vergilbte Wahlplakate, Fatah oder Hamas, dass kann ich nicht erkennen. Auf den Plakaten sind groß die ernst dreinblickenden Gesichter der Kandidaten abgedruckt. Es kleben auch noch andere Poster an den Wänden, auf denen deutlich jüngere Gesichter zu sehen sind. Es sind die Gesichter von Märtyrern, die sich in Israel selbst in die Luft gesprengt haben.
Die Jungen müssen so alt wie ich, vielleicht 2, 3 Jahre älter gewesen sein.
Nichts von Wichtigkeit, aber irgendwie wollte ich es nur erwähnt haben: als wir also unser Shwarma am Verschlingen sind werde ich entjungfert: ich sehe das erste Mal in meinem Leben eine AK 47 neben mir herumlaufen. An die M16 Sturmgewehre bin ich ja schon gewöhnt, aber die AK 47 hat nun mal einen etwas anderen Ruf, als jede andere Wumme auf der Welt. Deutsche Waffen sind bekannt für gute Verarbeitung und Qualität, amerikanische haben ordentlich Wumms unterm Hintern und stehen den Marines, sowie den israelischen Soldaten einfach gut zu Gesicht, schinden Eindruck. Eine AK aber ist rau, hat etwas von Guerilla, Auf- und Widerstand.
Alles Begriffe, die mit diesem Fleckchen Erde natürlich kaum etwas zu tun haben…nicht.
Im Grunde sehe ich wirklich kaum etwas von der Stadt, aber mein Gesamteindruck ist, dass es an Struktur und Ordnung an allen Enden und Ecken fehlt. Ich fühle mich unwohl in dieser Atmosphäre, die ich so schwer beschreiben kann.
Es gibt viele Restaurants, Imbisse, Snackbuden, Apotheken und Handy- sowie Läden für Kameras, es herrscht reges Treiben. Aber all dieses Treiben findet in einer meinem Eindruck nach sehr aggressiven Art und Weise statt. Zudem ist das Stadtbild nun mal einfach hässlich und der Dreck und Schmutz scheint aus Boden und Wänden herauszuquellen.
Nach dem Essen gehen wir in ein Internetcafé im 6. Stock eines Hauses, mit Blick auf diese trostlos lebendige Stadt. Hier ist es ruhig, die Klimaanlage läuft. Es sind nur wenige Meter, die mich von diesem Gewimmel da unten trennen. Wenn man aus dem Fenster springen würde, wäre man in 2,3 Sekunden da.
Es ist sehr angenehm hier oben zu sein. Ich habe nichts Wichtiges im Netz zu erledigen und so ist wohl das einzig Wichtige was in dieser Zeit passiert, dass mir auffällt, wie schön ich es nach wenigen Minuten Ramallah finde, dieser Stadt zu entfliehen.
Nach der Internetsession geht’s noch einen Stock höher in eine Shisha-Hölle. Der ganze oberste Stock ist mit Tischen, Stühlen und Shishas voll gestellt. Wirklich eine Menge Shishas.
Einige sind bestimmt einen Meter hoch, vielleicht höher, ich kann das nicht so gut einschätzen.
Was ich noch nie davor gesehen habe: statt regulärer Köpfchen (Teil der Shisha, die mit Tabak gefüllt wird) werden teilweise ausgehöhlte Äpfel benutzt. Wir können nur mutmaßen, dass diese Maßnahme das Geschmackserlebnis irgendwie positiv beeinflussen soll.
Dazu bestellen wir drei Tee, die wir in kleinen Bierhumpen aus Glas serviert bekommen. Es ist die von mir so verhasste scheiß Lipton-Beuteltee-Variante, den man dauernd angedreht bekommt.
Ja, auch so eine Kleinigkeit trägt dazu bei, meine Laune noch weiter zu verschlechtern, da bin ich manchmal einfach ziemlich pingelig.
Wir rauchen nicht lange Shisha. Draußen wird es in dieser Zeit jedoch schon wieder im gewohnt rasanten Tempo dunkel, was die Atmosphäre nicht sympathischer macht.
Früh anbrechende Nacht.
Ich bin schon den ganzen Tag müde, obwohl ich endlich mal wieder früh ins Bett gegangen bin und eigentlich genug geschlafen habe.
Wovon bin ich so müde? Vielleicht sind es gar nicht die letzten Tage, sondern auch dieser kurze Ausflug. Kurz, aber anstrengend. Traurig machend. Irgendwie.
Zum Schluss ein Lichtblick.
Der Verkäufer im Shishaladen, bei dem wir unsere Tabakvorräte auffüllen (zwei Mal Apfel-, ein Mal Multivitamintabak) spricht mit uns in sehr gutem Deutsch mit uns. Er hat 10 Jahre in Deutschland gelebt, dort studiert. Warum er nach einem Studium in Deutschland Verkäufer in einem Laden für Shishas ist erschließt sich mir nicht.
Der Lichtblickaspekt für mich ist ganz einfach die Freundlichkeit, die dieser Mann ausstrahlt. Kontrastprogramm zum Leben, das mich außerhalb des Ladens anschreit.
Ich freue mich, als die Straßen wieder besser werden und mir das mittlerweile vertraute Jerusalem entgegen springt. Nach diesem Ausflug denke ich reflexartig: dahin willst du so schnell nicht wieder. Gleichzeitig stellt sich ein Gegenreflex ein, der mir befiehlt zurückzukommen und diese Stadt noch einmal (anders) zu erleben.
Wir werden sehen, welcher Reflex stärker ist.
Donnerstag, 27. September 2007
Keine Zeit für lange Überschrift, einfach lesen
Dies liegt jedoch nicht daran, dass ich keine Lust, sondern einfach keine Zeit habe.
Ich arbeite aber an dem Problem :)
Die Bilder zum zweiten Bericht habens es noch nicht ins Internet geschafft, werden so schnell wie möglich - kann also was dauern :) - nachgereicht...
20.September 2007
Keine Zeit für lange Überschrift, einfach lesen
Unglaublich, dieses Land.
In dem knappen Monat, den ich jetzt hier bin habe ich schon so verdammt viel erlebt, dass es mir so vorkommt, als wäre ich schon viel länger hier.
So gut wie jeden Tag habe ich neue Sachen gelernt, Orte besucht oder Menschen kennen gelernt. Zeit zum in sich gehen, zum Luft holen hatte ich bis jetzt kaum, wenn ich so recht überlege. Für dieses Land brauche ich einfach einen längeren Akku, als ich es von meinem Leben in Deutschland gewohnt bin.
Mittlerweile ist all das, was sich für einen Bericht eignet, der von wundersamen Begebenheiten erzählt, wie die erste Windel wechseln, der erste Trip nach Tel Aviv und so weiter und so fort, schon längst zum Alltag verkommen und ich habe die Chance verpasst, diese Sachen eben in dieser Weise aufzuschreiben, wie sie es verdient hätten.
Alltag hier bedeutet jedoch nicht das Selbe wie Alltag im „alten Zuhause“. Grob gesagt meint Alltag hier, dass einige Sachen, wie mit dem (arabischen) Bus oder dem Taxi zu fahren, den Preis für Pita runterzuhandeln und Wasserpfeife in der Altstadt rauchen mittlerweile an Normalität gewonnen haben. Trotzdem haftet allem, was sich wiederholt immer noch der Hauch des Unbekannten und Fremden an und ich freue mich ganz einfach immer noch über so viele Sachen, die ich hier erlebe.
Ein einfaches Beispiel dazu: Ich habe mich ziemlich schnell an die Arbeit gewöhnt und die Arbeitsabläufe sind nun schon um Einiges schneller und sicherer geworden. Klaro, vor allem am Anfang waren die Lernsprünge immens: Ami füttert man anders als Oshri, Dror hält man anders als Nathan beim Tragen und jeder wird anders angesprochen. Ich musste erst einmal ein Gefühl dafür entwickeln, wie ich mit unseren Kids umgehen muss und wie ich mich ihnen gegenüber verhalten kann, soll und muss.
Jetzt habe ich die Grundlagen des Miteinanders in Tzeelin drauf, auch mit den Workern. Ein normaler Arbeitstag läuft eigentlich ohne große Probleme ab. Trotzdem wundere ich mich jedes mal wieder, wenn Dror mich auf einmal doch wieder kratzt und haut, wie aus heiterem Himmel. Zu Beginn meiner Arbeit ist das so gut wie täglich vorgekommen, wahrscheinlich weil Dror wusste, dass ich noch ein Anfänger bin oder ich nicht wusste mit ihm umzugehen. Doch mit der Zeit hat das extrem abgenommen, bei allen Volontären. Gerade deshalb wundere ich mich dann und denke: Hey, ich hab doch alles richtig gemacht, also wieso kratzt du mich, Dror?!
Vermutlich bleibt Dror einfach immer unberechenbar, egal, wie lange man hier arbeitet. Und wahrscheinlich ist genau das einer der Gründe, wieso ich mich so schnell in diese Arbeit und alle, die dazu gehören, verliebt habe.
Es ist immer schön, nicht arbeiten zu müssen, aber wenn man dann auf Arbeit ist, dann ist das meistens auch nicht weniger schön. Es macht einfach viel Spaß. Die Stimmung unter uns Volos ist super und unsere Worker sind alle super lieb und es wird echt viel gescherzt, schon weil die Kids immer so lustige Sachen machen. Okay, Nathan zum Beispiel kriegt manchmal um die 13 Pillen zum Mittagessen, hat also permanent die volle Dröhnung und dementsprechend ein Dauergrinsen aufgelegt. Einerseits ist das zwar sehr, sehr unschön, wenn man bedenkt, dass der kleine Nathan immer mit Drogen vollgepumpt wird und nur deshalb lacht, aber er sieht einfach zu süß aus mit seinem Lächeln und wer einmal sein Lachen gehört hat, der muss unweigerlich dahin schmelzen und sich noch in der selben Sekunde in ihn verlieben.
Irgendwie ist Tzeelin einfach eine große Familie, bestehend aus den Kids, uns Volos, den Workern, Mohammed, der die Kids überall hinfährt, Sarah (Oshris Mutter, die fast täglich vorbeikommt), den Physiotherapeuten, die ab und an vorbeischauen und noch vielen anderen merkwürdigen – aber liebenswürdigen - Gestalten.
Der Vergleich mit einer Familie impliziert das Gefühl, was ich hier habe: alles ist einfach unheimlich menschlich. Es geht meist herzlich, immer respektvoll und aufmerksam und ab und an eben auch rauer zu.
Wir Volos machen dauernd Scherze mit den Workern und mit den Kids wird sowieso immer gealbert. Wenn man Avivid mal ein wenig ärgern will, dann schleicht man sich einfach von hinten an sie ran (man muss eigentlich nicht schleichen, sie merkts sowieso nicht…) und packt sie plötzlich an den Schultern und schreit: „Schekit!“. Was so viel heißt wie „Sei ruhig!“ oder vielleicht auch „Halt die Klappe!“ – so sehr bin ich noch nicht in die Feinheiten des Hebräischen eingedrungen.
Aaaauf jeden Fall erschreckt sich Avivid dabei immer total, selbst wenn die letzte „Attacke“ erst eine Minute her ist. Dann meckert sie immer rum, aber im Grunde findet sie es selber lustig, dass sie sich so erschreckt hat. Und wenn mans nicht zu doll treibt mit ihr, dann redet sie eh zwei Minuten später wieder darüber, dass Rita (ihre absolute Lieblingsworkerin!!!) die einzige ist, die ihren Kaffee kalt trinkt und alle anderen „chaam“, also heiß. Das geht dann gut und gerne mal den ganzen Tag so.
Nathan wiederum – wie gesagt dauerbreit – kann man zur absoluten Lachbombe machen, wenn man einen der roten Wohnzimmerstühle hochhebt, sich damit vor ihn stellt und den Stuhl dann nach oben und unten schaukeln lässt.
In wenigen Sekunden fängt der Junge dann so an zu lachen, dass man einfach nur mitlachen kann, weil es so geil ist, wie er auf diesen, sich einfach nur bewegenden Stuhl abgeht…echt als wäre er total auf Drogen…oh…ist er ja auch. Hm ähm ja.
Bilder wie immer unter http://picasaweb.google.com/ivogruner/DurchmeineaugenBlogspotCom
Meine Adresse plus Festnetz- und Mobiltelefonnummer, sowie Skype-Name findet ihr ab sofort ganz oben auf durchmeineaugen.blogspot.com.
Montag, 27. August 2007
Meine erste Kakerlake, mein erster Humus - ich bin wohl in Israel angekommen
13:45 Uhr
Hallo liebe Leute,
Zu erst: Mir geht es gut. Der Flug war problemlos, wir (Jannik, Viktor und ich) sind planmäßig um 6 Uhr morgens Ortszeit am Ben Gurion Airport in Tel Aviv angekommen und wurden von Tina, einer dänischen Freiwilligen, die auch im Shekel Jerusalem arbeitet, abgeholt.
Es hat ewig gedauert, bis wir unser Gepäck erhalten haben, so erst gegen 8Uhr- wir hatten Glück, weil Tina schon fast wieder nach Hause gefahren wäre, weil sie dachte, sie hätte uns verpasst.
Naja, wir sind dann mit einem Sherut, einem Sammeltaxi (so wie bei Miri wohl die Maxi-Taxis :D) nach Jerusalem gefahren, hat 45min gedauert und pro Person 5 Shekel gekostet, also ca. 1 €uro.
Das Sherut hat uns direkt vor die Haustür unserer WG gebracht, die im Stadtteil Gilo liegt (total am südlichsten Punkt von Jerusalem gelegen, dass wir schon fast in Bethlehem sind, wie ich gerade erfahren habe).
Tina hat dann per Handy in der WG angerufen und Bescheid gesagt, dass wir da sind. Eine Minute später erschien dann Simon und hat uns zur WG gebracht.
Ja, die WG...
Vielleicht sollte ich hier lieber abbrechen. Aber es muss wohl sein. Also die Wohnung verdient eigentlich eher den Titel Müllhalde und oder Junkie Bude. Ich weiß nicht, ob jemand von euch schon mal so was Ekliges gesehen hat. Als wir zur Tür rein kamen waren 2-3 Jungs grad in der Küche dabei eine Kakerlake niederzustrecken, indem sie sie mit irgendeinem Zeug besprüht haben. Das Apartment wurde, wenn überhaupt, wohl vor mehreren Monaten das letzte Mal geputzt, Schimmel auf Betten, an den Wänden und auf dem Boden und überhaupt ist normal. Beide kleinen Badezimmer sind total versifft und der Boden mit sehr, sehr merkwürdigen Flüssigkeiten bedeckt, überall Kalk und nur eine Dusche sowie ein Waschbecken funktionieren überhaupt. Zudem liegt überall Müll herum, Bierflaschen, Wasserpfeifenkohle, Tabak und...ach es braucht keine weiteren Beschreibungen. Ich schicke euch so schnell wie möglich Bilder davon, dann werdet ihrs ja sehen. Ich sach mal so: mal haste keine Wohnung, mal willste lieber keine, so wie diese ;P
Abgesehen von den optischen und hygienischen Zuständen ist es sehr cool und aufregend hier. Die 7 andern Jungs sind alle super nett: Simon, Jan, Cris, Max, Hans, Patrick und Jannik halt.
Jan und Cris sind nur noch kurz hier, sie fliegen am Sonntag noch für 2 Wochen nach Ägypten, dann kommen sie nochmal kurz zurück und kehren dann zurück nach Deutschland. Ihrer Aussage zufolge gewöhnt man sich an den Dreck, etc. Naja.
Es steht wohl auch schon seit mehreren Volontärsgenerationen zur Debatte, dass wir ein neues Apartment bekommen. Aber Shekel ist wohl ziemlich faul und hat keinen Bock das zu organisieren, so dass ich jetzt schon glaube, dass das noch ziemlich lange dauern kann.
26-8-2007
16:10 Uhr
Hello back,
Zu sagen, ich hätte mich schon total hier an die Gegend und die Umstände gewöhnt würde noch nicht zutreffen - aber der erste, zweite und dritte Schock ist schon überwunden. Ging doch schneller als ich dachte.
Die Wohnung sieht nicht wirklich besser aus, im Moment liegen einfach mehr Wasser- als Bierflaschen hier rum...es juckt mittlerweile einfach schon nicht mehr. Das schöne ist, ich weiß nicht, ob ichs schon in meiner ersten "Lebenszeichen"-Mail geschrieben hab, das wir heute im Shekel-Office waren und uns von offizieller Seite mehr oder weniger das Gerücht bestätigt wurde, dass wir im Laufe der nächsten 7-14 Tage umziehen werden, weil die Wohnung so kaputt ist! Juhu! Ich hab zwar das Gefühl, dass ich der Einzige hier bin, der sich extrem darüber freuen würde, aber die andern fänden es auch schon schöner :) Wenn wir wenigstens Besteck und Geschirr hätten, Töpfe oder eine funktionierende Waschmaschine...
Ich hab das Gefühl ich berichte hier nur über die scheiß Bude...also jetzt mal was anderes.
Heute waren Jannik und ich wie gesagt im Office und haben uns offiziell vorgestellt. Das Office befindet sich in einem ziemlich abgewrackten Gebäude, weshalb man nicht auf den ersten Blick vermuten würde, dass Shekel 4000 "persons with special needs and disabilities" betreut und Sozialarbeit in solch einer Größenordnung anbietet.
Ums kurz zu machen: wir haben unseren direkten Vorgesetzten "Amjad" kennen gelernt, der für das Appartment zuständig ist, in dem Jannik und ich (so um die 10min. Fußweg von unserer jetzigen Wohnung entfernt) arbeiten werden. Unsere Arbeitsstelle heißt "Tzeelim" (gespr.: Selim) und es sind dort 6 Jugendliche zu betreuen, von denen einer ein paar Wörter sprechen kann. Über die Arbeit und die Kinder schreibe ich lieber ein anderes Mal, weil ich die Namen noch nicht kann und mir auch noch nicht wirklich gemerkt habe, was wir mit den Kindern machen. Am Dienstag habe ich dann meine erste Schicht von 11-20h. Genauso Mittwoch und Donnerstag habe ich dann glaube ich meine erste Nachtschicht 21-9h - also lecker 12 Stunden mit maximal drei Stunden Schlaf. Während der "night shift" ist man immer mit einem hauptamtlichen "Worker" zusammen, mit dem man sich die Nacht um die Ohren schlägt. Naja, wird schon werden. Hier habe ich bisher auch nicht soviel geschlafen, weil meist bis 3-4 Uhr immer ein paar Leute auf waren, die dann noch im Wohnzimmer einen Film geguckt haben oder so. Auf jeden Fall ist hier immer trouble (außer jetzt grade...irgendwie sind alle müde :) böse, böse Nachtschicht)
Aber wie gesagt: bald mehr von der Arbeit.
Vorgestern (Freitag) waren Jannik und ich mit Max (einem aus unserer WG, arbeitet auch in Tzeelim) in der Altstadt von Jerusalem. Ums schon mal zu üben, weil ja abends ab Sonnenuntergang die Juden den Shabbat begehen und dann nix mehr machen dürfen (bekanntermaßen ja nicht mal Klopapier abreißen), sind wir mit einem arabischen Sherut dahin und später auch wieder weg gefahren. Den Arabern ist der Shabbat ja nun mal schnuppe und für uns die einzige Möglichkeit am Shabbat rumzukommen. In der Altstadt angekommen stürzten wir uns ins Getümmel. Die Altstadt besteht aus Engen Gassen und Gässchen und überall sind kleine Läden, die alles anbieten, was das Herz begehrt: Gewürze in riesigen Säcken, Fleisch, (lebende) Hühner, Süßigkeiten, Schmuck, Souvenirs und jegliches an Brot (z.B. Pita, das Brot, was man immer und überall isst, vorzugsweise zu Humus) und Gemüse, sowie Obst.
Klar, es wird auch versucht Touristen das Geld aus der Tasche zu ziehen, aber erstaunlicherweise gibt es in Relation gesehen wirklich nicht viele Souvenirshops. In dem Teil der Altstadt, wo am meisten los ist wohnen in der Mehrheit Araber, vereinzelt jedoch sind israelische Flaggen an Häusern zu sehen. In diesen Häusern leben dann (provokanterweise) jüdische Siedler. Erst mal erscheint das etwas abstrus: also ich hätte keinen Bock als Jude unter Arabern zu leben. Trotzdem: die Siedler haben kaum etwas zu befürchten. Vor ihren Häusern sind Videokameras angebracht und überall in der Altstadt patroullieren israelische Soldaten mit der M16 im Anschlag und dem Knüppel griffbereit. Während in Deutschland vereinzelt mal Polizisten gesichtet werden, die einem ein wenig Respekt einflößen, so kann man hier darüber echt nur lachen...
A propos Klagemauer: wenn man die Altstadt einmal durchquert hat kommt man zu einer stationären Sicherheitskontrolle, ähnlich wie beim Flughafen: Rucksack durch den Scanner, Taschen leeren, durch den Metalldetektor gehen, den Soldaten keinen Anlass geben, einem die M16 an den Kopf zu halten...oder so. Laut Hans, der das hier grade alles mitliest, was ich schreibe ("Hey, was schreibst du da über mich?!") hat "irgendein Oberrabbi das Kontrollieren an Punkten wie hier beim Zugang zur Klagemauer als Shabbat-kompatibel erklärt" - es stellt also keine Arbeit dar. Naja. Mag man sehen, wie man lustig ist.
Aaaaauf jeden Fall waren wir dann an der Klagemauer. Ab einer bestimmten Höhe, wenn man auf die Klagemauer zugeht, muss man eine Kopfbedeckung anziehen (Papp-Kippas liegen natürlich bereit). Der Platz vor und die Mauer selbst ist weniger beeindruckend (groß), als ich es mir vorgestellt hatte. Okay, bei Licht besehen habe ich, der ich ja bekannt bin für mein Interesse an den (religiösen) Kulturstätten dieser Welt (...), mir vorher überhaupt nix vorgestellt...
So war dann auch unser Besuch eher kurz gehalten. Was nicht heißt, dass ich nicht noch Interesse daran entwickeln werde. Ich habe mir mittlerweile auch vorgenommen, mich bei Zeiten Stück für Stück in all diese wichtigen Stätten einzulesen, um wenigstens formal ihre Wichtigkeit (an)erkennen zu können.
We'll see...
Dann waren wir noch in der Grabeskirche (den Namen hat mir Hans grad schon wieder sagen müssen...), wo ein gewisser Herr Religionsstifter bei Zeiten aus auferstanden sein soll. Da war ziemlich viel los und die Atmosphäre war alles andere als sakral. Ziemlich viel Blitzlichtgewitter und so. Tut den Gemäuern bestimmt gut. Soll ja ähnlich wirksam sein wie Taubenscheiße.
Außerdem waren wir noch in einem Internetcafe, von wo ich einigen von euch meine erste Lebenszeichen-Mail geschickt habe.
Last but not least gings noch noch auf's Dach eines österreichischen Hospiz, von wo man einen wirklich tollen Blick auf die Altstadt, die Al-Aksa Moschee und das Umland hat.
Abends dann noch Pitabrot, Humus und ein Sixpack Wasserflaschen gekauft und dann ab nach Hause, Shisha (Wasserpfeife) rauchen und wieder viel zu spät ins Bett gehen.
A propos Wasser: Die Sonne brennt hier viel weniger unerbittlich, wie ich mir das anfangs vorgestellt hatte. Soweit ich weiß hat sich hier kaum einer in den ersten Tagen bemüht Sonnencreme aufzutragen (ich schon) und trotzdem hat hier niemand einen Sonnenbrand. Und man sollte zwar etwas mehr trinken als sonst, aber so krass gehts gar nicht ab, obwohl die Temperaturen konstant zwischen 33-37 Grad Celsius liegen.
So. Jetzt noch der Samstag. Ich merke grad, dass ich lieber öfter schreiben und nicht solange Pause dazwischen machen sollte. Da geht der Elan schon flöten. Naja. Egal.
Gestern war ja gewiss nicht uninteressant. Max hat Jannik und mich wieder als weiser Führer nach Bethlehem geführt. Dazu mussten wir circa 15-20min zu Fuß laufen, bis wir das erste Mal an einem Checkpoint ankamen und die berüchtigte Mauer zu sehen bekamen, die die Palästinensergebiete von Israel trennt. Der Checkpoint ist eine ziemlich große, verwinkelte Anlage, kein kleiner Kontrollposten, wie es ihn hundertfach an Übergängen gibt. Wieder war Gepäckscanning angesagt, doch nur einer von uns musste für ein paar Sekunden seinen deutschen Reisepass zeigen, worauf wir Drei durchgewunken wurden. Auf der anderen Seite standen schon Taxifahrer bereit, die uns anfangs 80 Shekel (um die 14 Euro) für die Fahrt nach Bethlehem rein und zurück abknöpfen wollten. Max, der die Strecke schon gefahren war, handelte auf 15 Shekel für einen Weg runter. Angesichts der 5 minütigen Fahrt auch eher angemessen.
(Boah, jetzt doch mal Schreibpause)
27-8-2007
19:16 Uhr
So noch mal kurze Info:
Unter http://picasaweb.google.com/ivogruner/DurchmeineaugenBlogspotCom
stelle ich die ersten 500 Bilder on. Im Moment sind es so um die 30 Stück, die ich hochgeladen habe (von ca.200). Ich werde wohl immer nur eine kleine Auswahl hochladen können, da wir kein Internet in der Bude haben und das gratis Internet in der Fußgängerzone von Jerusalem nicht grade schnell ist (da bin ich grad).
Ciao Ivo
PS. Bethelehembericht wird später vervollständigt.
