Gestern bin ich von einem viertägigen Ausflug nach Eilat zurückgekommen. Eilat liegt an der Küste des Roten Meeres, ist meinem Wissen nach die südlichste Stadt Israels und nur einen Katzensprung von Jordanien und Ägypten entfernt.
Allerdings war dieser Ausflug kein privater, sondern einer für die Worker, Volontäre und Residents der drei Apartments des „SHEKEL Community Living Programs“ in Jerusalem, sprich: Zeelin (dort arbeite ich), Siggalit und Halamit.
Für mich ist dies in so fern von Bedeutung gewesen, als das es bedeutete, dass ich anstatt Schicht- 24-Stunden Dauerarbeit zu verrichten hatte und mir diese kleine Reise als Urlaub verkauft wurde…
Ja sicher ist es schön in Eilat! Schöner Strand, tolles Meer, atemberaubende Unterwasserwelt – ideal fürs „snorkling“ – und vermutlich auch nicht zu verachtende Clubs mit geiler Musik, ABER bitte was bringt mir das, wenn ich so gut wie keine Freizeit habe und abends eigentlich auch nicht weggehen kann, weil die Kids bei uns in den Betten schlafen?
Geneigter Leser, du liegst richtig in der Annahme, dass ich hier grade im Begriff bin mir meinen Frust von der Seele zu schreiben.
Doch im Grunde möchte ich gar nicht ausschweifend über diesen Reinfall alias „vacation in Eilat“ berichten, da ich momentan eigentlich dabei bin, es mir abzugewöhnen, lange über verschwendete und geklaute Zeit den Kopf zu zerbrechen.
Deshalb hier ein kleines Update zu meinem Arbeitsleben.
Insgesamt fühle ich mich immer mehr verwachsen mit den Kindern, den Workern und der Arbeit als solcher.
Im Laufe der Zeit habe ich immer mehr Wissen über meinen Arbeitsplatz und den Umgang mit den Kindern gewonnen. Wissen, das hört sich irgendwie noch zu kalt an. Vielleicht wäre es mit den Ausdrücken Einblick oder Verständnis besser beschrieben, denn es handelt sich um einen Vorgang, der primär den Umgang mit Menschen und die Entwicklung sozialer Bindungen beschreibt.
Wenn ich mich jetzt daran erinnere, wie ich in der ersten Woche Siggalit und Zeelin besichtigt und mit welchen Augen ich die Kinder und Worker betrachtet habe, dann merke ich, wie viel mehr ich mich ihnen allen genähert habe und wie sehr sie mir schon ans Herz gewachsen sind.
Man kann sich schon in zu Hause vornehmen, in dem neuen Land offen mit den Menschen umzugehen und viele neue Erfahrungen zu machen, letztendlich entscheidet sich dann doch vor Ort aus der Situation heraus, aus den Erfahrungen und Erlebnissen des alltäglichen Lebens, in wie weit man mit dem neuen Leben zurecht kommt und wie man ihm begegnet.
Der Alltag auf Arbeit macht mir großteils wirklich unglaublich Spaß und mir wird immer mehr bewusst, wie sehr einem abwechslungsreiche Arbeit Halt und Zufriedenheit geben kann, wenn man sie gut macht.
Man muss lernen, zwischen den Zeilen zu lesen und man wird automatisch sensibler für Kleinigkeiten. Ich bin zum Beispiel immer wieder beeindruckt, wie gut unsere Worker die Kinder kennen: sagen wir, Ami schreit mal wieder nur rum und ist kaum zu beruhigen und ich beginne die Nerven zu verlieren. Malek oder Rita begutachten ihn dann ein paar Sekunden und sagen “geh’ mit ihm laufen“ oder „wechsle ihm die Windel, dann ist er wieder ruhig“.
Meistens klappt’s.
Bei Licht besehen sind das keine großen Sachen, die sie da machen, aber ich spüre einfach, dass sie die Verhaltensweisen, die Charaktere der Kinder einfach schon so gut kennen, dass sie wirklich meistens sofort wissen, was sie brauchen oder wollen.
Ich würde mir auf jeden Fall wünschen, dass ich diese Fähigkeit im Laufe des Jahres auch weiter entwickeln werde. Angefangen damit habe ich schon.
Auch das Verhältnis zu den Workern verändert sich ständig. Man hängt halt viel aufeinander und verbringt viel Zeit miteinander. Persönliches bleibt da, wie wohl bei fast jeder Arbeitsbeziehung, nicht aus. Der jüngste Ausflug nach Eilat, sei er noch so beschissen für mich gelaufen, hat mein Bild von Rita und Malek wieder verändert. Malek, sonst sehr auf akkurates Arbeiten und Disziplin aus, war extrem lässig und hat über Versäumnisse und Fehler auf Seiten der Volontäre wohlwollend hinweggeblickt und die Sache locker genommen, dass es zu erst nicht glauben konnte.
Rita dagegen, unsere russisch-stämmige, wohlgenährte Hausmama, die ansonsten wirklich friedliebend und ausgeglichen ist, hat viel rumgemäckelt und kritisiert.
Rollentausch, sozusagen.
Jetzt bin ich echt gespannt, wie es sich verhält, wenn ich wieder arbeiten muss, ob’s so bleibt oder wieder die alten Rollen eingenommen werden (wovon ich erstmal ausgehe).
Es ist insgesamt einfach wahnsinnig spannend, was für verschiedene Menschen ich hier kennen lerne.
Letztens auf dem Volontärsseminar in Haifa die vielen Volontäre vom Deutsch-Israelischen Verein, die in ganz Israel verstreut die unterschiedlichsten Arbeiten machen. Danach die dreitägige Party am See Genezareth mit gut 60 Leuten aus aller Welt: Israel, USA, Frankreich, Spanien, Kanada, Italien, Ungarn und Deutschland.
Alle waren sehr offen, konnten gut Englisch und hatten Lust auf eine schöne Zeit und gute Gespräche in einer lockeren Atmosphäre und mit leckerem Essen.
Ich habe wirklich keine große Angst hier zu vereinsamen, eher, zu wenig Privatsphäre zu haben, die ich wirklich brauche um nachzudenken und einfach meine Gedanken schweifen zu lassen…über dies und das. Und manchmal auch jenes.
Da der Titel dieser Schrift ja auch unter anderem das schöne Wörtchen „Zukunft“ enthält will ich nicht damit hinter dem Berg halten, was es damit auf sich hat.
Also, ich bin nun gut zwei Monate hier. Oder anders: Raus aus Deutschland, raus aus der Schule (klar, schon länger, aber Schule ist ja nicht mit dem Abschlusszeugnis zu Ende) und ja, auch irgendwie raus aus meinem Teenagerdasein.
Es wäre nicht falsch zu behaupten, dass dieses Jahr jetzt schon als Zäsur in meinem Leben zu betrachten ist.
Mich durchströmt hier immer wieder eine ziemlich starke Inspiration und Kraft, die mich positiv in die Zukunft blicken lässt. Konkret heißt das, dass ich jetzt schon Pläne im Kopf habe, die zwar noch sehr vage sind, aber immerhin da, was ich nach diesen 12 Monaten Zivildienstersatz (DAS soll mein Zivildienst sein? Ich dachte, der sei langweilig! Danke, Deutschland!!!) machen werde.
Momentan gehen diese Pläne sehr stark an Deutschland vorbei in Richtung weiter reisen in weitere Länder. Die vorläufigen Wunschziele sind dabei Vietnam, Indien, China, Japan und die USA (sehr frisch hinzugekommen). Im Grunde aber eignet sich so ziemlich jedes Land für die Erfüllung meiner Reisepläne, weshalb ich froh bin noch knapp 10 Monate zu haben, um mich mit dieser äußerst unangenehmen (…) Frage auseinander zu setzen.
Ach ja, da war ja noch etwas, wofür man in der Regel sein Abitur macht…das Studium. Irgendwo muss das eben auch noch untergebracht werden, aber dann auch wieder im Ausland und so eilig hab ich’s damit wirklich erstmal nicht.
Vorerst würd’ ich lieber noch gerne ein wenig rastlos und naiv durch die Welt hüpfen und mir mein eigenes Bild von eben jener machen, getreu nach Janosch „Ach, wie schön ist Panama!“

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