Samstag, 13. Oktober 2007

Ramallah

Ich sitze mit Patrick und Hans im Serveez. Linie 18, eine von denen mit den drei grünen Streifen auf der Motorhaube.
Die Fahrt wird nicht lange dauern, gut eine Dreiviertelstunde. Wir sind erst wenige Minuten gefahren, haben gerade das Government Quarter hinter uns gelassen, schon verändert sich die Landschaft um uns herum Schlag auf Schlag: Die Straßen werden schlechter, der Fahrer fährt zum Teil langsamer wegen der vielen Schlaglöcher und der riesigen Steinbrocken, die sich auf der Fahrbahn tummeln anstatt Bestandteil eben dieser zu sein.
Es wird irgendwie karg um uns herum, kaputt und dreckig. Mir schießt in den Kopf, dass dies eine Gegend ist, in der es Ratten und Ungeziefer bestimmt sehr gefallen muss.
Ein Stück fahren wir an einer Mauer aus hohen Betonplatten vorbei. Ich bin mir nicht sicher, ob es „die“ Mauer ist, aber das ist grade für mich nicht wichtig.
Mich beeindruckt diese Mauer so oder so: Massiv, grau und berghoch steht sie da und hat in diesem Moment nur eine Aussage für mich: den Entzug von Freiheit.
Fast schon entspannend wirken die Werbetafeln, die an der mauer angebracht sind und irgendwie symbolisieren, dass jene, deren Freiheit beschnitten wird, auf eine weise selbst diese gegen sie errichtete mauer nutzbar gemacht und damit entschärft haben.

Wir steigen aus und stehen sofort im Zentrum von Ramallah. Es herrscht dichtes Gedränge, die Autos quälen sich im Schritttempo durch die Straßen, die, das fällt sofort auf, hauptsächlich von (jungen) Männern bevölkert sind.
Wir gehen Shwarma essen, in einer Bude, die uns die letzte Vologeneration noch gezeigt hat. Auf unserem kurzen Weg dorthin sauge ich die Eindrücke der Straße in mir auf. An den Wänden hängen vergilbte Wahlplakate, Fatah oder Hamas, dass kann ich nicht erkennen. Auf den Plakaten sind groß die ernst dreinblickenden Gesichter der Kandidaten abgedruckt. Es kleben auch noch andere Poster an den Wänden, auf denen deutlich jüngere Gesichter zu sehen sind. Es sind die Gesichter von Märtyrern, die sich in Israel selbst in die Luft gesprengt haben.
Die Jungen müssen so alt wie ich, vielleicht 2, 3 Jahre älter gewesen sein.
Nichts von Wichtigkeit, aber irgendwie wollte ich es nur erwähnt haben: als wir also unser Shwarma am Verschlingen sind werde ich entjungfert: ich sehe das erste Mal in meinem Leben eine AK 47 neben mir herumlaufen. An die M16 Sturmgewehre bin ich ja schon gewöhnt, aber die AK 47 hat nun mal einen etwas anderen Ruf, als jede andere Wumme auf der Welt. Deutsche Waffen sind bekannt für gute Verarbeitung und Qualität, amerikanische haben ordentlich Wumms unterm Hintern und stehen den Marines, sowie den israelischen Soldaten einfach gut zu Gesicht, schinden Eindruck. Eine AK aber ist rau, hat etwas von Guerilla, Auf- und Widerstand.
Alles Begriffe, die mit diesem Fleckchen Erde natürlich kaum etwas zu tun haben…nicht.

Im Grunde sehe ich wirklich kaum etwas von der Stadt, aber mein Gesamteindruck ist, dass es an Struktur und Ordnung an allen Enden und Ecken fehlt. Ich fühle mich unwohl in dieser Atmosphäre, die ich so schwer beschreiben kann.
Es gibt viele Restaurants, Imbisse, Snackbuden, Apotheken und Handy- sowie Läden für Kameras, es herrscht reges Treiben. Aber all dieses Treiben findet in einer meinem Eindruck nach sehr aggressiven Art und Weise statt. Zudem ist das Stadtbild nun mal einfach hässlich und der Dreck und Schmutz scheint aus Boden und Wänden herauszuquellen.
Nach dem Essen gehen wir in ein Internetcafé im 6. Stock eines Hauses, mit Blick auf diese trostlos lebendige Stadt. Hier ist es ruhig, die Klimaanlage läuft. Es sind nur wenige Meter, die mich von diesem Gewimmel da unten trennen. Wenn man aus dem Fenster springen würde, wäre man in 2,3 Sekunden da.
Es ist sehr angenehm hier oben zu sein. Ich habe nichts Wichtiges im Netz zu erledigen und so ist wohl das einzig Wichtige was in dieser Zeit passiert, dass mir auffällt, wie schön ich es nach wenigen Minuten Ramallah finde, dieser Stadt zu entfliehen.
Nach der Internetsession geht’s noch einen Stock höher in eine Shisha-Hölle. Der ganze oberste Stock ist mit Tischen, Stühlen und Shishas voll gestellt. Wirklich eine Menge Shishas.
Einige sind bestimmt einen Meter hoch, vielleicht höher, ich kann das nicht so gut einschätzen.
Was ich noch nie davor gesehen habe: statt regulärer Köpfchen (Teil der Shisha, die mit Tabak gefüllt wird) werden teilweise ausgehöhlte Äpfel benutzt. Wir können nur mutmaßen, dass diese Maßnahme das Geschmackserlebnis irgendwie positiv beeinflussen soll.
Dazu bestellen wir drei Tee, die wir in kleinen Bierhumpen aus Glas serviert bekommen. Es ist die von mir so verhasste scheiß Lipton-Beuteltee-Variante, den man dauernd angedreht bekommt.
Ja, auch so eine Kleinigkeit trägt dazu bei, meine Laune noch weiter zu verschlechtern, da bin ich manchmal einfach ziemlich pingelig.

Wir rauchen nicht lange Shisha. Draußen wird es in dieser Zeit jedoch schon wieder im gewohnt rasanten Tempo dunkel, was die Atmosphäre nicht sympathischer macht.
Früh anbrechende Nacht.
Ich bin schon den ganzen Tag müde, obwohl ich endlich mal wieder früh ins Bett gegangen bin und eigentlich genug geschlafen habe.
Wovon bin ich so müde? Vielleicht sind es gar nicht die letzten Tage, sondern auch dieser kurze Ausflug. Kurz, aber anstrengend. Traurig machend. Irgendwie.

Zum Schluss ein Lichtblick.
Der Verkäufer im Shishaladen, bei dem wir unsere Tabakvorräte auffüllen (zwei Mal Apfel-, ein Mal Multivitamintabak) spricht mit uns in sehr gutem Deutsch mit uns. Er hat 10 Jahre in Deutschland gelebt, dort studiert. Warum er nach einem Studium in Deutschland Verkäufer in einem Laden für Shishas ist erschließt sich mir nicht.
Der Lichtblickaspekt für mich ist ganz einfach die Freundlichkeit, die dieser Mann ausstrahlt. Kontrastprogramm zum Leben, das mich außerhalb des Ladens anschreit.

Ich freue mich, als die Straßen wieder besser werden und mir das mittlerweile vertraute Jerusalem entgegen springt. Nach diesem Ausflug denke ich reflexartig: dahin willst du so schnell nicht wieder. Gleichzeitig stellt sich ein Gegenreflex ein, der mir befiehlt zurückzukommen und diese Stadt noch einmal (anders) zu erleben.
Wir werden sehen, welcher Reflex stärker ist.