Donnerstag, 27. September 2007

Keine Zeit für lange Überschrift, einfach lesen

HINWEIS vorweg: Entgegen einiger Behauptungen, dass meine "Dokumentationswut" abgenommen hätte möchte ich nur einmal kurz erwähnen, dass ich es selber sehr schade finde, dass ich es bisher nicht geschafft habe, mehr Berichte rumzuschicken.
Dies liegt jedoch nicht daran, dass ich keine Lust, sondern einfach keine Zeit habe.
Ich arbeite aber an dem Problem :)
Die Bilder zum zweiten Bericht habens es noch nicht ins Internet geschafft, werden so schnell wie möglich - kann also was dauern :) - nachgereicht...

20.September 2007
Keine Zeit für lange Überschrift, einfach lesen

Unglaublich, dieses Land.
In dem knappen Monat, den ich jetzt hier bin habe ich schon so verdammt viel erlebt, dass es mir so vorkommt, als wäre ich schon viel länger hier.
So gut wie jeden Tag habe ich neue Sachen gelernt, Orte besucht oder Menschen kennen gelernt. Zeit zum in sich gehen, zum Luft holen hatte ich bis jetzt kaum, wenn ich so recht überlege. Für dieses Land brauche ich einfach einen längeren Akku, als ich es von meinem Leben in Deutschland gewohnt bin.

Mittlerweile ist all das, was sich für einen Bericht eignet, der von wundersamen Begebenheiten erzählt, wie die erste Windel wechseln, der erste Trip nach Tel Aviv und so weiter und so fort, schon längst zum Alltag verkommen und ich habe die Chance verpasst, diese Sachen eben in dieser Weise aufzuschreiben, wie sie es verdient hätten.
Alltag hier bedeutet jedoch nicht das Selbe wie Alltag im „alten Zuhause“. Grob gesagt meint Alltag hier, dass einige Sachen, wie mit dem (arabischen) Bus oder dem Taxi zu fahren, den Preis für Pita runterzuhandeln und Wasserpfeife in der Altstadt rauchen mittlerweile an Normalität gewonnen haben. Trotzdem haftet allem, was sich wiederholt immer noch der Hauch des Unbekannten und Fremden an und ich freue mich ganz einfach immer noch über so viele Sachen, die ich hier erlebe.
Ein einfaches Beispiel dazu: Ich habe mich ziemlich schnell an die Arbeit gewöhnt und die Arbeitsabläufe sind nun schon um Einiges schneller und sicherer geworden. Klaro, vor allem am Anfang waren die Lernsprünge immens: Ami füttert man anders als Oshri, Dror hält man anders als Nathan beim Tragen und jeder wird anders angesprochen. Ich musste erst einmal ein Gefühl dafür entwickeln, wie ich mit unseren Kids umgehen muss und wie ich mich ihnen gegenüber verhalten kann, soll und muss.
Jetzt habe ich die Grundlagen des Miteinanders in Tzeelin drauf, auch mit den Workern. Ein normaler Arbeitstag läuft eigentlich ohne große Probleme ab. Trotzdem wundere ich mich jedes mal wieder, wenn Dror mich auf einmal doch wieder kratzt und haut, wie aus heiterem Himmel. Zu Beginn meiner Arbeit ist das so gut wie täglich vorgekommen, wahrscheinlich weil Dror wusste, dass ich noch ein Anfänger bin oder ich nicht wusste mit ihm umzugehen. Doch mit der Zeit hat das extrem abgenommen, bei allen Volontären. Gerade deshalb wundere ich mich dann und denke: Hey, ich hab doch alles richtig gemacht, also wieso kratzt du mich, Dror?!
Vermutlich bleibt Dror einfach immer unberechenbar, egal, wie lange man hier arbeitet. Und wahrscheinlich ist genau das einer der Gründe, wieso ich mich so schnell in diese Arbeit und alle, die dazu gehören, verliebt habe.
Es ist immer schön, nicht arbeiten zu müssen, aber wenn man dann auf Arbeit ist, dann ist das meistens auch nicht weniger schön. Es macht einfach viel Spaß. Die Stimmung unter uns Volos ist super und unsere Worker sind alle super lieb und es wird echt viel gescherzt, schon weil die Kids immer so lustige Sachen machen. Okay, Nathan zum Beispiel kriegt manchmal um die 13 Pillen zum Mittagessen, hat also permanent die volle Dröhnung und dementsprechend ein Dauergrinsen aufgelegt. Einerseits ist das zwar sehr, sehr unschön, wenn man bedenkt, dass der kleine Nathan immer mit Drogen vollgepumpt wird und nur deshalb lacht, aber er sieht einfach zu süß aus mit seinem Lächeln und wer einmal sein Lachen gehört hat, der muss unweigerlich dahin schmelzen und sich noch in der selben Sekunde in ihn verlieben.
Irgendwie ist Tzeelin einfach eine große Familie, bestehend aus den Kids, uns Volos, den Workern, Mohammed, der die Kids überall hinfährt, Sarah (Oshris Mutter, die fast täglich vorbeikommt), den Physiotherapeuten, die ab und an vorbeischauen und noch vielen anderen merkwürdigen – aber liebenswürdigen - Gestalten.
Der Vergleich mit einer Familie impliziert das Gefühl, was ich hier habe: alles ist einfach unheimlich menschlich. Es geht meist herzlich, immer respektvoll und aufmerksam und ab und an eben auch rauer zu.
Wir Volos machen dauernd Scherze mit den Workern und mit den Kids wird sowieso immer gealbert. Wenn man Avivid mal ein wenig ärgern will, dann schleicht man sich einfach von hinten an sie ran (man muss eigentlich nicht schleichen, sie merkts sowieso nicht…) und packt sie plötzlich an den Schultern und schreit: „Schekit!“. Was so viel heißt wie „Sei ruhig!“ oder vielleicht auch „Halt die Klappe!“ – so sehr bin ich noch nicht in die Feinheiten des Hebräischen eingedrungen.
Aaaauf jeden Fall erschreckt sich Avivid dabei immer total, selbst wenn die letzte „Attacke“ erst eine Minute her ist. Dann meckert sie immer rum, aber im Grunde findet sie es selber lustig, dass sie sich so erschreckt hat. Und wenn mans nicht zu doll treibt mit ihr, dann redet sie eh zwei Minuten später wieder darüber, dass Rita (ihre absolute Lieblingsworkerin!!!) die einzige ist, die ihren Kaffee kalt trinkt und alle anderen „chaam“, also heiß. Das geht dann gut und gerne mal den ganzen Tag so.
Nathan wiederum – wie gesagt dauerbreit – kann man zur absoluten Lachbombe machen, wenn man einen der roten Wohnzimmerstühle hochhebt, sich damit vor ihn stellt und den Stuhl dann nach oben und unten schaukeln lässt.
In wenigen Sekunden fängt der Junge dann so an zu lachen, dass man einfach nur mitlachen kann, weil es so geil ist, wie er auf diesen, sich einfach nur bewegenden Stuhl abgeht…echt als wäre er total auf Drogen…oh…ist er ja auch. Hm ähm ja.

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