Freitag, 23. November 2007
Auf einem Dach in Tel Aviv
Auf der Rückbank sitzen noch Emily und Cheli (Foto,v.l.) aus den Staaten, beide Studenten in Jerusalem. Seitdem Cheli eingestiegen ist redet sie ununterbrochen und lacht die ganze Zeit über ihre eigenen Witze und Geschichten. Nicht zu Unrecht, wie ich finde, es stört mich nicht, sie ist nicht eingebildet. Innerlich stimme ich ihr zu, als sie sagt „In a way I think I really have some self-confidence.“
Vielleicht ein ganz klein wenig…
Wir müssen nicht lange nach einem Parkplatz suchen. Kaum ins Auto eingestiegen, schon ist man wieder raus. Israel ist nicht sehr groß.
Es ist merklich kälter geworden in den letzten Tagen, aber ich nehme meine Jacke trotzdem nicht mit, weil ich irgendwann gelernt habe, dass man am Besten so wenig Ballast wie möglich in Discos sowie in Restaurants mitnimmt, um kein Garderobenproblem zu bekommen.
Die umliegenden Straßen sind von hässlichen Häuserwänden gesäumt, Neonlichtschilder und billig, dadurch schäbig aussehende Fressstände komplettieren das Bild einer heruntergekommenen Gegend.
Nie im Leben hätte ich die Tür zu dem Gebäude geöffnet, in das wir jetzt eintreten und in dem sich ein indisches Restaurant befinden soll.
Doch kaum schließt sich die Tür hinter mir dringt indische Musik in mein Ohr, tauche ich ein in eine bizarre Welt. Das Restaurant erstreckt sich über die beiden Stockwerke und auch auf dem Dach kann man sich zu Speis und Trank niederlassen.
Der erste und zweite Stock sind riesige Räume ohne jegliche Trennwände und ohne – Stühle. Zum Essen wird sich auf den Boden beziehungsweise bunt bezogene Matratzen gesetzt, die niedrige Holztische säumen.
Das gesamte Ambiente ist in indisch lockerem Stil gehalten, es herrscht eine sehr gemeinschaftliche Atmosphäre. Im ersten Stock streifen wir unsere Schuhe ab und stellen sie zu etlichen anderen Paaren, die darauf hinweisen, dass wir nicht die einzigen Gäste heute Abend sind. Nach blank polierten Schühchen sucht man hier vergeblich.
Wir steigen bis aufs Dach und werden direkt überschwänglich von den ersten Couchsurfern begrüßt. Schon jetzt: viele bekannte Gesichter von der Party am See Genezareth (Yam Kinneret), auch wenn mir manchmal die Namen dazu fehlen. Auch jetzt wieder gehen alle sehr herzlich miteinander um, auch wenn sich nicht alle kennen oder vielleicht erst ein paar Mal begegnet sind.
Das Dach ist mit Bastmatten gerahmt (dahinter ein Geländer für alle Fälle) und es hängen Lampionketten über unseren Köpfen.
Ich habe keine Ahnung, was auf den Karten für Essen angeboten ist, aber mein Gesprächspartner sagt mir, es gäbe sowieso nur drei Dishes zur Auswahl und alles wäre preiswert und lecker – und nicht zu scharf, wenn nicht gewünscht. Der Name des Gerichts ist sowieso unaussprechlich und so lasse ich für mich wählen. Nur bei der Wahl des Bieres will ich dann doch sicher sein und lasse mir die Entscheidung nicht abnehmen, unexotisch, aber lecker: Carlsberg.
Der Strom von Neuankömmlingen scheint gar nicht mehr abreißen zu wollen, alle paar Minuten müssen wir uns enger um die Tischchen quetschen. Die Kellner, die ihre Verwunderung über die seltsame Gruppe kaum verhehlen können, warnen lieber schon einmal: das mit dem Essen für jeden könnte länger dauern. Dabei wird in Sichtweite gekocht, in riesigen Töpfen und die Luft ist erfüllt von indischen Gewürzen, Gemüse (das Restaurant ist vegetarisch) und dem leichten Duft von Reis.
Zur Entspannung der Lage wird deshalb kostenlos Tschai-Tee ausgegossen, der wärmt zusätzlich zu den Decken, in die sich viele gemeinsam einmummeln.
Irgendwann dringt die Bedienung dann auch in meine Ecke vor und ruft laut auf Hebräisch. Near, ein Israeli, mit dem ich mich gerade unterhalte, übersetzt: Wir sollten ehrlich sein und nur nehmen, was wir auch bestellt haben und uns nicht für jemand anders ausgeben.
Da ich nicht übermäßig heiß drauf bin mir die Zunge zu zerstören bleibe ich lieber ehrlich und warte bis die Kellnerin meinen Namen ruft, den man eben zu diesem Zweck bei der Aufgabe der Bestellung angeben musste.
Das Essen ist wirklich lecker, aber auch nicht wirklich viel. Für den Preis von rund 30 Shekel, also rund fünf Euro, angemessen. Außerdem ist die Atmosphäre wirklich großartig, es wird gelacht und geredet, auf Hebräisch, Englisch, Ungarisch, Französisch und Spanisch. Hier und da ein Wörtchen auf Deutsch ist auch dabei: Es gibt überraschend viele Israelis, die schon einmal in Deutschland waren und deshalb ein bisschen Sprechen können. Itay zum Beispiel hat mir schon auf der Party am Yam Kinneret erzählt, dass er sich selber Deutsch beibringt und die Deutschen so angenehm ruhig und unaufgeregt findet. Dagegen die Israelis pflegten einen hektischen und stressigen Lebensstil. Dem kann ich nicht widersprechen.
Der Abend verstreicht. Ich spreche mit bekannten und bis dato unbekannten Leuten, aber es gibt auch Momente in denen ich nicht rede, sondern einfach nur an meinem Tschai oder Bier nippe und die Szenerie beobachte. Fröhliche Menschen. Auf einer Wand ist das Wort „positivity“ in saftigem Rot aufgemalt. Viel mehr muss man nicht hinzufügen.
Irgendwann kommt Noa zu mir, mit der Bitte wie schon am Yam Kinneret auf Deutsch „Alles Gute zum Geburtstag“ zu singen, diesmal für Julie, die heute Geburtstag hat. Diesmal bin ich allerdings der einzige Deutsche des Abends, das letzte Mal waren wir zu Viert…stimme aber trotzdem zu. Itay will mir helfen.
Ein paar Minuten später ist es dann so weit: Die anwesenden Vertreter der verschiedenen Länder singen hintereinander ein kurzes Ständchen und auch Itays und mein Auftritt geht gut.
Irgendwann neigt sich der Abend dem Ende zu und gegen halb Eins fahren wir zurück nach Jerusalem. Mihael, Cheli, Emily und Ivo.
Wieder einmal nehme ich viel mit. Unter anderem, ganz hedonistisch, die Telefonnummer von Shy, der Mitglied der „Israeli Astronomy Association“ ist und Mitte Dezember in den Negev geht, um sich einen Sternschnuppenregen anzuschauen. Na und da geh ich doch gerne mit, wenn’s der Zeitplan erlaubt. Außerdem noch das gute Gefühl, einer der Kellnerinnen über Couchsurfing erzählt und sie total davon begeistert zu haben.
Samstag, 3. November 2007
die kolumne: max meint [01]
In meinem ersten Gastkommentar möchte ich über ein aktuell sehr gravierendes Problem sprechen. Es ist, wie auch nicht anders zu erwarten, das Klima.
Auch in Israel, wo sich die großen Probleme unserer Welt auf einen winzigen Flecken Land zu konzentrieren scheinen, muss über das Klima gesprochen werden!
Dabei spreche ich nicht nur das generelle Klima an, das sich auch hier ändert, da der große alljährliche, ja fast schon monsunartige Regen ausbleibt, sondern auch das Klima im Speziellen. Wie zum Beispiel in einer von mir völlig zufällig ausgewählten WG in Jerusalem. Auch hier scheint es völlig in Ordnung zu sein, sieht man jedoch ganz genau hin, erkennt man, dass sich immer wieder, ohne jegliche Vorwarnungen, quasi explosionsartig, gewaltige Energien entladen. Fast könnte man dazu verleitet sein diese als reinigende Gewitter abzutun. Aber NEIN!!! MITNICHTEN!!! Besonders im kleinen Maßstab lässt sich der Klimawandel erkennen, denn wo einst Eitelsonnenschein herrschte, droht nun das unbeschreibliche Chaos, mit den typischen Begleiterscheinungen à la Migration, Konflikte, möglicherweise auch bewaffnet und so weiter.....
Doch was ist zu tun? Ist dieser Prozess überhaupt noch kontrollierbar und die Menschheit beziehungsweise diese kleine WG noch zu retten? Ich meine: JA!!!
Wir ALLE können etwas dazu beitragen, was genau muss jeder selbst wissen, aber, fest steht, der Wandel des Wandels ist und bleibt möglich!
Darum nehmt euer Herz in die Hand und tut etwas!!!
Bei Fragen, Anregungen, Kritik, oder vielleicht auch Lob: MadMax15@hotmail.de
Freitag, 2. November 2007
Arbeit, Leben, Zukunft
Gestern bin ich von einem viertägigen Ausflug nach Eilat zurückgekommen. Eilat liegt an der Küste des Roten Meeres, ist meinem Wissen nach die südlichste Stadt Israels und nur einen Katzensprung von Jordanien und Ägypten entfernt.
Allerdings war dieser Ausflug kein privater, sondern einer für die Worker, Volontäre und Residents der drei Apartments des „SHEKEL Community Living Programs“ in Jerusalem, sprich: Zeelin (dort arbeite ich), Siggalit und Halamit.
Für mich ist dies in so fern von Bedeutung gewesen, als das es bedeutete, dass ich anstatt Schicht- 24-Stunden Dauerarbeit zu verrichten hatte und mir diese kleine Reise als Urlaub verkauft wurde…
Ja sicher ist es schön in Eilat! Schöner Strand, tolles Meer, atemberaubende Unterwasserwelt – ideal fürs „snorkling“ – und vermutlich auch nicht zu verachtende Clubs mit geiler Musik, ABER bitte was bringt mir das, wenn ich so gut wie keine Freizeit habe und abends eigentlich auch nicht weggehen kann, weil die Kids bei uns in den Betten schlafen?
Geneigter Leser, du liegst richtig in der Annahme, dass ich hier grade im Begriff bin mir meinen Frust von der Seele zu schreiben.
Doch im Grunde möchte ich gar nicht ausschweifend über diesen Reinfall alias „vacation in Eilat“ berichten, da ich momentan eigentlich dabei bin, es mir abzugewöhnen, lange über verschwendete und geklaute Zeit den Kopf zu zerbrechen.
Deshalb hier ein kleines Update zu meinem Arbeitsleben.
Insgesamt fühle ich mich immer mehr verwachsen mit den Kindern, den Workern und der Arbeit als solcher.
Im Laufe der Zeit habe ich immer mehr Wissen über meinen Arbeitsplatz und den Umgang mit den Kindern gewonnen. Wissen, das hört sich irgendwie noch zu kalt an. Vielleicht wäre es mit den Ausdrücken Einblick oder Verständnis besser beschrieben, denn es handelt sich um einen Vorgang, der primär den Umgang mit Menschen und die Entwicklung sozialer Bindungen beschreibt.
Wenn ich mich jetzt daran erinnere, wie ich in der ersten Woche Siggalit und Zeelin besichtigt und mit welchen Augen ich die Kinder und Worker betrachtet habe, dann merke ich, wie viel mehr ich mich ihnen allen genähert habe und wie sehr sie mir schon ans Herz gewachsen sind.
Man kann sich schon in zu Hause vornehmen, in dem neuen Land offen mit den Menschen umzugehen und viele neue Erfahrungen zu machen, letztendlich entscheidet sich dann doch vor Ort aus der Situation heraus, aus den Erfahrungen und Erlebnissen des alltäglichen Lebens, in wie weit man mit dem neuen Leben zurecht kommt und wie man ihm begegnet.
Der Alltag auf Arbeit macht mir großteils wirklich unglaublich Spaß und mir wird immer mehr bewusst, wie sehr einem abwechslungsreiche Arbeit Halt und Zufriedenheit geben kann, wenn man sie gut macht.
Man muss lernen, zwischen den Zeilen zu lesen und man wird automatisch sensibler für Kleinigkeiten. Ich bin zum Beispiel immer wieder beeindruckt, wie gut unsere Worker die Kinder kennen: sagen wir, Ami schreit mal wieder nur rum und ist kaum zu beruhigen und ich beginne die Nerven zu verlieren. Malek oder Rita begutachten ihn dann ein paar Sekunden und sagen “geh’ mit ihm laufen“ oder „wechsle ihm die Windel, dann ist er wieder ruhig“.
Meistens klappt’s.
Bei Licht besehen sind das keine großen Sachen, die sie da machen, aber ich spüre einfach, dass sie die Verhaltensweisen, die Charaktere der Kinder einfach schon so gut kennen, dass sie wirklich meistens sofort wissen, was sie brauchen oder wollen.
Ich würde mir auf jeden Fall wünschen, dass ich diese Fähigkeit im Laufe des Jahres auch weiter entwickeln werde. Angefangen damit habe ich schon.
Auch das Verhältnis zu den Workern verändert sich ständig. Man hängt halt viel aufeinander und verbringt viel Zeit miteinander. Persönliches bleibt da, wie wohl bei fast jeder Arbeitsbeziehung, nicht aus. Der jüngste Ausflug nach Eilat, sei er noch so beschissen für mich gelaufen, hat mein Bild von Rita und Malek wieder verändert. Malek, sonst sehr auf akkurates Arbeiten und Disziplin aus, war extrem lässig und hat über Versäumnisse und Fehler auf Seiten der Volontäre wohlwollend hinweggeblickt und die Sache locker genommen, dass es zu erst nicht glauben konnte.
Rita dagegen, unsere russisch-stämmige, wohlgenährte Hausmama, die ansonsten wirklich friedliebend und ausgeglichen ist, hat viel rumgemäckelt und kritisiert.
Rollentausch, sozusagen.
Jetzt bin ich echt gespannt, wie es sich verhält, wenn ich wieder arbeiten muss, ob’s so bleibt oder wieder die alten Rollen eingenommen werden (wovon ich erstmal ausgehe).
Es ist insgesamt einfach wahnsinnig spannend, was für verschiedene Menschen ich hier kennen lerne.
Letztens auf dem Volontärsseminar in Haifa die vielen Volontäre vom Deutsch-Israelischen Verein, die in ganz Israel verstreut die unterschiedlichsten Arbeiten machen. Danach die dreitägige Party am See Genezareth mit gut 60 Leuten aus aller Welt: Israel, USA, Frankreich, Spanien, Kanada, Italien, Ungarn und Deutschland.
Alle waren sehr offen, konnten gut Englisch und hatten Lust auf eine schöne Zeit und gute Gespräche in einer lockeren Atmosphäre und mit leckerem Essen.
Ich habe wirklich keine große Angst hier zu vereinsamen, eher, zu wenig Privatsphäre zu haben, die ich wirklich brauche um nachzudenken und einfach meine Gedanken schweifen zu lassen…über dies und das. Und manchmal auch jenes.
Da der Titel dieser Schrift ja auch unter anderem das schöne Wörtchen „Zukunft“ enthält will ich nicht damit hinter dem Berg halten, was es damit auf sich hat.
Also, ich bin nun gut zwei Monate hier. Oder anders: Raus aus Deutschland, raus aus der Schule (klar, schon länger, aber Schule ist ja nicht mit dem Abschlusszeugnis zu Ende) und ja, auch irgendwie raus aus meinem Teenagerdasein.
Es wäre nicht falsch zu behaupten, dass dieses Jahr jetzt schon als Zäsur in meinem Leben zu betrachten ist.
Mich durchströmt hier immer wieder eine ziemlich starke Inspiration und Kraft, die mich positiv in die Zukunft blicken lässt. Konkret heißt das, dass ich jetzt schon Pläne im Kopf habe, die zwar noch sehr vage sind, aber immerhin da, was ich nach diesen 12 Monaten Zivildienstersatz (DAS soll mein Zivildienst sein? Ich dachte, der sei langweilig! Danke, Deutschland!!!) machen werde.
Momentan gehen diese Pläne sehr stark an Deutschland vorbei in Richtung weiter reisen in weitere Länder. Die vorläufigen Wunschziele sind dabei Vietnam, Indien, China, Japan und die USA (sehr frisch hinzugekommen). Im Grunde aber eignet sich so ziemlich jedes Land für die Erfüllung meiner Reisepläne, weshalb ich froh bin noch knapp 10 Monate zu haben, um mich mit dieser äußerst unangenehmen (…) Frage auseinander zu setzen.
Ach ja, da war ja noch etwas, wofür man in der Regel sein Abitur macht…das Studium. Irgendwo muss das eben auch noch untergebracht werden, aber dann auch wieder im Ausland und so eilig hab ich’s damit wirklich erstmal nicht.
Vorerst würd’ ich lieber noch gerne ein wenig rastlos und naiv durch die Welt hüpfen und mir mein eigenes Bild von eben jener machen, getreu nach Janosch „Ach, wie schön ist Panama!“
