Wieder einmal befinde ich mich auf dem Weg nach Tel Aviv. Das Auto, in dem ich sitze, fällt fast auseinander. Mihael, den ich schon von einer Party von vor drei Wochen am See Genezareth kenne und dem das Auto gehört, erzählt mir, dass es anscheinend zu viel Öl habe und es deshalb so stinken würde. Davon habe ich keine Ahnung, Autos sind nun mal nicht mein Thema. Allerdings vertraue ich Mihael einfach, als er sagt, ich solle mir keine Sorgen machen, falls während der Fahrt der Motor anfangen sollte zu qualmen. Darauf antworte ich dementsprechend nur, ich hätte meine Digicam dabei, also falls es dazu käme, könnten wir wenigstens dramatische Bilder von uns machen, wie wir brennend aus dem Auto flüchten…es ist eine sehr lustige Fahrt nach Tel Aviv.
Auf der Rückbank sitzen noch Emily und Cheli (Foto,v.l.) aus den Staaten, beide Studenten in Jerusalem. Seitdem Cheli eingestiegen ist redet sie ununterbrochen und lacht die ganze Zeit über ihre eigenen Witze und Geschichten. Nicht zu Unrecht, wie ich finde, es stört mich nicht, sie ist nicht eingebildet. Innerlich stimme ich ihr zu, als sie sagt „In a way I think I really have some self-confidence.“
Vielleicht ein ganz klein wenig…
Wir müssen nicht lange nach einem Parkplatz suchen. Kaum ins Auto eingestiegen, schon ist man wieder raus. Israel ist nicht sehr groß.
Es ist merklich kälter geworden in den letzten Tagen, aber ich nehme meine Jacke trotzdem nicht mit, weil ich irgendwann gelernt habe, dass man am Besten so wenig Ballast wie möglich in Discos sowie in Restaurants mitnimmt, um kein Garderobenproblem zu bekommen.
Die umliegenden Straßen sind von hässlichen Häuserwänden gesäumt, Neonlichtschilder und billig, dadurch schäbig aussehende Fressstände komplettieren das Bild einer heruntergekommenen Gegend.
Nie im Leben hätte ich die Tür zu dem Gebäude geöffnet, in das wir jetzt eintreten und in dem sich ein indisches Restaurant befinden soll.
Doch kaum schließt sich die Tür hinter mir dringt indische Musik in mein Ohr, tauche ich ein in eine bizarre Welt. Das Restaurant erstreckt sich über die beiden Stockwerke und auch auf dem Dach kann man sich zu Speis und Trank niederlassen.
Der erste und zweite Stock sind riesige Räume ohne jegliche Trennwände und ohne – Stühle. Zum Essen wird sich auf den Boden beziehungsweise bunt bezogene Matratzen gesetzt, die niedrige Holztische säumen.
Das gesamte Ambiente ist in indisch lockerem Stil gehalten, es herrscht eine sehr gemeinschaftliche Atmosphäre. Im ersten Stock streifen wir unsere Schuhe ab und stellen sie zu etlichen anderen Paaren, die darauf hinweisen, dass wir nicht die einzigen Gäste heute Abend sind. Nach blank polierten Schühchen sucht man hier vergeblich.
Wir steigen bis aufs Dach und werden direkt überschwänglich von den ersten Couchsurfern begrüßt. Schon jetzt: viele bekannte Gesichter von der Party am See Genezareth (Yam Kinneret), auch wenn mir manchmal die Namen dazu fehlen. Auch jetzt wieder gehen alle sehr herzlich miteinander um, auch wenn sich nicht alle kennen oder vielleicht erst ein paar Mal begegnet sind.
Das Dach ist mit Bastmatten gerahmt (dahinter ein Geländer für alle Fälle) und es hängen Lampionketten über unseren Köpfen.
Ich habe keine Ahnung, was auf den Karten für Essen angeboten ist, aber mein Gesprächspartner sagt mir, es gäbe sowieso nur drei Dishes zur Auswahl und alles wäre preiswert und lecker – und nicht zu scharf, wenn nicht gewünscht. Der Name des Gerichts ist sowieso unaussprechlich und so lasse ich für mich wählen. Nur bei der Wahl des Bieres will ich dann doch sicher sein und lasse mir die Entscheidung nicht abnehmen, unexotisch, aber lecker: Carlsberg.
Der Strom von Neuankömmlingen scheint gar nicht mehr abreißen zu wollen, alle paar Minuten müssen wir uns enger um die Tischchen quetschen. Die Kellner, die ihre Verwunderung über die seltsame Gruppe kaum verhehlen können, warnen lieber schon einmal: das mit dem Essen für jeden könnte länger dauern. Dabei wird in Sichtweite gekocht, in riesigen Töpfen und die Luft ist erfüllt von indischen Gewürzen, Gemüse (das Restaurant ist vegetarisch) und dem leichten Duft von Reis.
Zur Entspannung der Lage wird deshalb kostenlos Tschai-Tee ausgegossen, der wärmt zusätzlich zu den Decken, in die sich viele gemeinsam einmummeln.
Irgendwann dringt die Bedienung dann auch in meine Ecke vor und ruft laut auf Hebräisch. Near, ein Israeli, mit dem ich mich gerade unterhalte, übersetzt: Wir sollten ehrlich sein und nur nehmen, was wir auch bestellt haben und uns nicht für jemand anders ausgeben.
Da ich nicht übermäßig heiß drauf bin mir die Zunge zu zerstören bleibe ich lieber ehrlich und warte bis die Kellnerin meinen Namen ruft, den man eben zu diesem Zweck bei der Aufgabe der Bestellung angeben musste.
Das Essen ist wirklich lecker, aber auch nicht wirklich viel. Für den Preis von rund 30 Shekel, also rund fünf Euro, angemessen. Außerdem ist die Atmosphäre wirklich großartig, es wird gelacht und geredet, auf Hebräisch, Englisch, Ungarisch, Französisch und Spanisch. Hier und da ein Wörtchen auf Deutsch ist auch dabei: Es gibt überraschend viele Israelis, die schon einmal in Deutschland waren und deshalb ein bisschen Sprechen können. Itay zum Beispiel hat mir schon auf der Party am Yam Kinneret erzählt, dass er sich selber Deutsch beibringt und die Deutschen so angenehm ruhig und unaufgeregt findet. Dagegen die Israelis pflegten einen hektischen und stressigen Lebensstil. Dem kann ich nicht widersprechen.
Der Abend verstreicht. Ich spreche mit bekannten und bis dato unbekannten Leuten, aber es gibt auch Momente in denen ich nicht rede, sondern einfach nur an meinem Tschai oder Bier nippe und die Szenerie beobachte. Fröhliche Menschen. Auf einer Wand ist das Wort „positivity“ in saftigem Rot aufgemalt. Viel mehr muss man nicht hinzufügen.
Irgendwann kommt Noa zu mir, mit der Bitte wie schon am Yam Kinneret auf Deutsch „Alles Gute zum Geburtstag“ zu singen, diesmal für Julie, die heute Geburtstag hat. Diesmal bin ich allerdings der einzige Deutsche des Abends, das letzte Mal waren wir zu Viert…stimme aber trotzdem zu. Itay will mir helfen.
Ein paar Minuten später ist es dann so weit: Die anwesenden Vertreter der verschiedenen Länder singen hintereinander ein kurzes Ständchen und auch Itays und mein Auftritt geht gut.
Irgendwann neigt sich der Abend dem Ende zu und gegen halb Eins fahren wir zurück nach Jerusalem. Mihael, Cheli, Emily und Ivo.
Wieder einmal nehme ich viel mit. Unter anderem, ganz hedonistisch, die Telefonnummer von Shy, der Mitglied der „Israeli Astronomy Association“ ist und Mitte Dezember in den Negev geht, um sich einen Sternschnuppenregen anzuschauen. Na und da geh ich doch gerne mit, wenn’s der Zeitplan erlaubt. Außerdem noch das gute Gefühl, einer der Kellnerinnen über Couchsurfing erzählt und sie total davon begeistert zu haben.
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1 Kommentar:
sehr beeindruckend wie du die atmosphäre und eindrücke mit den Worten transportierst!
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