Montag, 21. Januar 2008

Nicht schön – Gedanken zum Frieden im Land der Zäune und Checkpoints

Wer eine Zeit lang in Israel gelebt hat, braucht keine Bücher mehr, keine Dokumentationen darüber, dass es zwischen Juden und Palästinensern eine tiefe Spaltung gibt.
Offizielle Landessprache ist neben Hebräisch auch Arabisch: Straßenbezeichnung, Autobahnschilder tragen immer auch die arabische Version, genauso wie Banknoten und Münzen. Dies legt eine theoretische Gleichstellung der beiden Parteien in Israel nahe.
Doch man sieht selten arabische Familien in der großen Jerusalemer Malha Mall einkaufen oder entspannt durch die Straßen der Neustadt flanieren. Die Altstadt mit ihrem romantisch-orientalischen, gleichzeitig aber auch billig-touristischen Flair „gehört“ den Arabern, die Neustadt, die voll gestopft ist, mit westlichen Konsumartikeln, die einen hohen Lebensstandart und ertragreiche ökonomische Aktivität nahe legen, den Juden.
Ich bin letztens durch eine sehr alte und hübsche Nachbarschaft, direkt neben dem Shuk (Markt) gelegen, geführt worden, die momentan ziemlich umgekrempelt wird, weil sich vornehmlich Juden aus den USA, Frankreich, Kanada und Belgien die Häuser kaufen und umbauen oder erweitern, wodurch die ohnehin schon horrenden Mietpreise noch einmal erhöhen. Auf den Baustellen gab es meist einen, der perfekt Hebräisch sprach – ich schätze, dass war der jüdische Vorarbeiter. Die anderen, die Arbeiter, das waren Araber. Ähnlich wie in Deutschland wird auch in Israel gerne auf die billige Arbeitskraft einer ökonomisch kaum selbstständigen Bevölkerungsschicht zurückgegriffen.
Allein die Tatsache, dass überhaupt Palästinenser im israelischen Kernland arbeiten dürfen und man mittlerweile doch wieder ab und an Frauen mit Kopftüchern die Einkaufsmeile der Yaffa Road entlanggehen sieht, ist vermutlich schon ein Zeichen für den momentanen Frieden.
Zu Zeiten der Al-Aqsa-Intifada zwischen 2000 und 2003 war es Bewohnern der Autonomiegebiete verboten worden, in Israel zu arbeiten und zusammen mit anderen Restriktionen führte dies innerhalb kürzester Zeit zu einer weiteren Verschärfung der ohnehin prekären wirtschaftlichen Lage in Westbank und Gazastreifen.

Mir kommt das Bild einer vollständig vereisten Blume in den Kopf, wenn ich an die Chancen für einen dauerhaften Frieden in dieser Region denke: Haucht man sanft das Eis von der Blume, dann kann langsam, Schritt für Schritt Frieden herbeigeführt werden. Berührt man sie dagegen unvorsichtig und grob, zerspringt die Eisskulptur und man muss ein weiteres Mal darauf warten, bis neue Hoffnung wachsen kann.
Ich kann leider sehr schlecht einschätzen, wie ernst die momentanen Bemühungen bei der in die Lösung des Konflikts involvierten Parteien sind, gegenseitiges Vertrauen aufzubauen und das Eis schmelzen zu lassen.
Einerseits erfahre ich aus den Medien, dass sich die US mit George W. Bush jr. an der Spitze wieder für die Lösung des Nahostkonflikts engagieren wollen. Auf der anderen Seite gehe ich eines Tages durch Hebron um eine Ecke und sehe drei Soldaten, die in voller Kampfmontur und mit dem Finger am Abzug Kinder ohne ersichtlichen Grund durch die Straßen scheuchen.
Nicht zu sprechen von den immer noch stattfindenden Zerstörungen von Häusern, nicht nur im Gazastreifen, sondern z.B. auch in Ostjerusalem. Die fast täglichen Armeeoperationen in so gut wie jeder größeren Stadt in Westbank und Gazastreifen.
Im Gegensatz zu mir, der in diesem Land sozusagen nur zu Besuch ist, erleben die Bewohner von Ramallah, Nablus, Gazastadt und vieler anderer Städte täglich Unterdrückung und Demütigung, die ich nachzuempfinden nur im Ansatz in der Lage bin.
Bisher hatte ich für mich ausgemacht, nicht für Juden und nicht für Palästinenser Partei zu ergreifen. Auf beiden Seiten gibt es schreckliches menschliches Leid, das gegeneinander aufzuwiegen meiner Meinung nach jedoch nicht möglich ist.
Dieser Einstellung folge ich auch immer noch. Und doch fühle ich in diesen Zeiten des relativen, wenn auch denkbar fragilen Friedens (noch letzten Sommer lag Israel mal wieder mit Libanon im Krieg) mehr und mehr Verständnis für die palästinensische Seite. Nein, für Selbstmordattentäter gilt dies selbstverständlich nicht, aber dass man keinen Hass und unendliche Verzweiflung entwickelt, wenn man täglich gedemütigt und minderwertig behandelt wird schon.

Ich glaube daran, dass es die israelische Regierung vermag, die ökonomische Situation in den Autonomiegebieten zu verbessern und sich dadurch die Lage stabilisieren wird. Zusammen mit einem weniger einengenden Netz der Sicherheitsapparate, allen voran den IDF (Israeli Defense Forces) und einer Verbesserung der Behandlung an den Checkpoints würden die Chancen auf eine von Eis befreite Blume meiner Meinung nach steigern. Wer, um an den Verhandlungstisch zu kommen, erst durch einen Checkpoint muss, bei dem man sich durch eine Schleuse getrieben fühlt, wie Vieh in einem Schlachthaus, von dem kann man nicht erwarten, dass er das Gefühl hat, auf gleicher Augenhöhe zu verhandeln, wie sein Gegenüber.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Na endlich kommt auch mal was Politisches von dir aus Israel, womit du dir ja relativ lange Zeit gelassen hast.
Um dich mal zu zitieren: "...ist vermutlich schon ein Zeichen für den momentanen Frieden."
Dazu: Ich kann mir nicht vorstellen, dass man bei allem was durch die Medien hier geht zum Thema Israel und Nah-Ost-Konflikt, von "momentanem Frieden" sprechen kann.
Aber ich hoffe du behältst mal weiterhin alles im Auge und berichtest immer schön darüber, sind ja schließlich Informationen aus erster Hand ;)
Liebe Grüße und schöne Tage