Montag, 27. August 2007

Meine erste Kakerlake, mein erster Humus - ich bin wohl in Israel angekommen

24-8-2007
13:45 Uhr

Hallo liebe Leute,

Zu erst: Mir geht es gut. Der Flug war problemlos, wir (Jannik, Viktor und ich) sind planmäßig um 6 Uhr morgens Ortszeit am Ben Gurion Airport in Tel Aviv angekommen und wurden von Tina, einer dänischen Freiwilligen, die auch im Shekel Jerusalem arbeitet, abgeholt.
Es hat ewig gedauert, bis wir unser Gepäck erhalten haben, so erst gegen 8Uhr- wir hatten Glück, weil Tina schon fast wieder nach Hause gefahren wäre, weil sie dachte, sie hätte uns verpasst.
Naja, wir sind dann mit einem Sherut, einem Sammeltaxi (so wie bei Miri wohl die Maxi-Taxis :D) nach Jerusalem gefahren, hat 45min gedauert und pro Person 5 Shekel gekostet, also ca. 1 €uro.
Das Sherut hat uns direkt vor die Haustür unserer WG gebracht, die im Stadtteil Gilo liegt (total am südlichsten Punkt von Jerusalem gelegen, dass wir schon fast in Bethlehem sind, wie ich gerade erfahren habe).
Tina hat dann per Handy in der WG angerufen und Bescheid gesagt, dass wir da sind. Eine Minute später erschien dann Simon und hat uns zur WG gebracht.
Ja, die WG...
Vielleicht sollte ich hier lieber abbrechen. Aber es muss wohl sein. Also die Wohnung verdient eigentlich eher den Titel Müllhalde und oder Junkie Bude. Ich weiß nicht, ob jemand von euch schon mal so was Ekliges gesehen hat. Als wir zur Tür rein kamen waren 2-3 Jungs grad in der Küche dabei eine Kakerlake niederzustrecken, indem sie sie mit irgendeinem Zeug besprüht haben. Das Apartment wurde, wenn überhaupt, wohl vor mehreren Monaten das letzte Mal geputzt, Schimmel auf Betten, an den Wänden und auf dem Boden und überhaupt ist normal. Beide kleinen Badezimmer sind total versifft und der Boden mit sehr, sehr merkwürdigen Flüssigkeiten bedeckt, überall Kalk und nur eine Dusche sowie ein Waschbecken funktionieren überhaupt. Zudem liegt überall Müll herum, Bierflaschen, Wasserpfeifenkohle, Tabak und...ach es braucht keine weiteren Beschreibungen. Ich schicke euch so schnell wie möglich Bilder davon, dann werdet ihrs ja sehen. Ich sach mal so: mal haste keine Wohnung, mal willste lieber keine, so wie diese ;P

Abgesehen von den optischen und hygienischen Zuständen ist es sehr cool und aufregend hier. Die 7 andern Jungs sind alle super nett: Simon, Jan, Cris, Max, Hans, Patrick und Jannik halt.
Jan und Cris sind nur noch kurz hier, sie fliegen am Sonntag noch für 2 Wochen nach Ägypten, dann kommen sie nochmal kurz zurück und kehren dann zurück nach Deutschland. Ihrer Aussage zufolge gewöhnt man sich an den Dreck, etc. Naja.
Es steht wohl auch schon seit mehreren Volontärsgenerationen zur Debatte, dass wir ein neues Apartment bekommen. Aber Shekel ist wohl ziemlich faul und hat keinen Bock das zu organisieren, so dass ich jetzt schon glaube, dass das noch ziemlich lange dauern kann.

26-8-2007
16:10 Uhr

Hello back,

Zu sagen, ich hätte mich schon total hier an die Gegend und die Umstände gewöhnt würde noch nicht zutreffen - aber der erste, zweite und dritte Schock ist schon überwunden. Ging doch schneller als ich dachte.
Die Wohnung sieht nicht wirklich besser aus, im Moment liegen einfach mehr Wasser- als Bierflaschen hier rum...es juckt mittlerweile einfach schon nicht mehr. Das schöne ist, ich weiß nicht, ob ichs schon in meiner ersten "Lebenszeichen"-Mail geschrieben hab, das wir heute im Shekel-Office waren und uns von offizieller Seite mehr oder weniger das Gerücht bestätigt wurde, dass wir im Laufe der nächsten 7-14 Tage umziehen werden, weil die Wohnung so kaputt ist! Juhu! Ich hab zwar das Gefühl, dass ich der Einzige hier bin, der sich extrem darüber freuen würde, aber die andern fänden es auch schon schöner :) Wenn wir wenigstens Besteck und Geschirr hätten, Töpfe oder eine funktionierende Waschmaschine...
Ich hab das Gefühl ich berichte hier nur über die scheiß Bude...also jetzt mal was anderes.

Heute waren Jannik und ich wie gesagt im Office und haben uns offiziell vorgestellt. Das Office befindet sich in einem ziemlich abgewrackten Gebäude, weshalb man nicht auf den ersten Blick vermuten würde, dass Shekel 4000 "persons with special needs and disabilities" betreut und Sozialarbeit in solch einer Größenordnung anbietet.
Ums kurz zu machen: wir haben unseren direkten Vorgesetzten "Amjad" kennen gelernt, der für das Appartment zuständig ist, in dem Jannik und ich (so um die 10min. Fußweg von unserer jetzigen Wohnung entfernt) arbeiten werden. Unsere Arbeitsstelle heißt "Tzeelim" (gespr.: Selim) und es sind dort 6 Jugendliche zu betreuen, von denen einer ein paar Wörter sprechen kann. Über die Arbeit und die Kinder schreibe ich lieber ein anderes Mal, weil ich die Namen noch nicht kann und mir auch noch nicht wirklich gemerkt habe, was wir mit den Kindern machen. Am Dienstag habe ich dann meine erste Schicht von 11-20h. Genauso Mittwoch und Donnerstag habe ich dann glaube ich meine erste Nachtschicht 21-9h - also lecker 12 Stunden mit maximal drei Stunden Schlaf. Während der "night shift" ist man immer mit einem hauptamtlichen "Worker" zusammen, mit dem man sich die Nacht um die Ohren schlägt. Naja, wird schon werden. Hier habe ich bisher auch nicht soviel geschlafen, weil meist bis 3-4 Uhr immer ein paar Leute auf waren, die dann noch im Wohnzimmer einen Film geguckt haben oder so. Auf jeden Fall ist hier immer trouble (außer jetzt grade...irgendwie sind alle müde :) böse, böse Nachtschicht)
Aber wie gesagt: bald mehr von der Arbeit.

Vorgestern (Freitag) waren Jannik und ich mit Max (einem aus unserer WG, arbeitet auch in Tzeelim) in der Altstadt von Jerusalem. Ums schon mal zu üben, weil ja abends ab Sonnenuntergang die Juden den Shabbat begehen und dann nix mehr machen dürfen (bekanntermaßen ja nicht mal Klopapier abreißen), sind wir mit einem arabischen Sherut dahin und später auch wieder weg gefahren. Den Arabern ist der Shabbat ja nun mal schnuppe und für uns die einzige Möglichkeit am Shabbat rumzukommen. In der Altstadt angekommen stürzten wir uns ins Getümmel. Die Altstadt besteht aus Engen Gassen und Gässchen und überall sind kleine Läden, die alles anbieten, was das Herz begehrt: Gewürze in riesigen Säcken, Fleisch, (lebende) Hühner, Süßigkeiten, Schmuck, Souvenirs und jegliches an Brot (z.B. Pita, das Brot, was man immer und überall isst, vorzugsweise zu Humus) und Gemüse, sowie Obst.
Klar, es wird auch versucht Touristen das Geld aus der Tasche zu ziehen, aber erstaunlicherweise gibt es in Relation gesehen wirklich nicht viele Souvenirshops. In dem Teil der Altstadt, wo am meisten los ist wohnen in der Mehrheit Araber, vereinzelt jedoch sind israelische Flaggen an Häusern zu sehen. In diesen Häusern leben dann (provokanterweise) jüdische Siedler. Erst mal erscheint das etwas abstrus: also ich hätte keinen Bock als Jude unter Arabern zu leben. Trotzdem: die Siedler haben kaum etwas zu befürchten. Vor ihren Häusern sind Videokameras angebracht und überall in der Altstadt patroullieren israelische Soldaten mit der M16 im Anschlag und dem Knüppel griffbereit. Während in Deutschland vereinzelt mal Polizisten gesichtet werden, die einem ein wenig Respekt einflößen, so kann man hier darüber echt nur lachen...
A propos Klagemauer: wenn man die Altstadt einmal durchquert hat kommt man zu einer stationären Sicherheitskontrolle, ähnlich wie beim Flughafen: Rucksack durch den Scanner, Taschen leeren, durch den Metalldetektor gehen, den Soldaten keinen Anlass geben, einem die M16 an den Kopf zu halten...oder so. Laut Hans, der das hier grade alles mitliest, was ich schreibe ("Hey, was schreibst du da über mich?!") hat "irgendein Oberrabbi das Kontrollieren an Punkten wie hier beim Zugang zur Klagemauer als Shabbat-kompatibel erklärt" - es stellt also keine Arbeit dar. Naja. Mag man sehen, wie man lustig ist.
Aaaaauf jeden Fall waren wir dann an der Klagemauer. Ab einer bestimmten Höhe, wenn man auf die Klagemauer zugeht, muss man eine Kopfbedeckung anziehen (Papp-Kippas liegen natürlich bereit). Der Platz vor und die Mauer selbst ist weniger beeindruckend (groß), als ich es mir vorgestellt hatte. Okay, bei Licht besehen habe ich, der ich ja bekannt bin für mein Interesse an den (religiösen) Kulturstätten dieser Welt (...), mir vorher überhaupt nix vorgestellt...
So war dann auch unser Besuch eher kurz gehalten. Was nicht heißt, dass ich nicht noch Interesse daran entwickeln werde. Ich habe mir mittlerweile auch vorgenommen, mich bei Zeiten Stück für Stück in all diese wichtigen Stätten einzulesen, um wenigstens formal ihre Wichtigkeit (an)erkennen zu können.
We'll see...
Dann waren wir noch in der Grabeskirche (den Namen hat mir Hans grad schon wieder sagen müssen...), wo ein gewisser Herr Religionsstifter bei Zeiten aus auferstanden sein soll. Da war ziemlich viel los und die Atmosphäre war alles andere als sakral. Ziemlich viel Blitzlichtgewitter und so. Tut den Gemäuern bestimmt gut. Soll ja ähnlich wirksam sein wie Taubenscheiße.
Außerdem waren wir noch in einem Internetcafe, von wo ich einigen von euch meine erste Lebenszeichen-Mail geschickt habe.
Last but not least gings noch noch auf's Dach eines österreichischen Hospiz, von wo man einen wirklich tollen Blick auf die Altstadt, die Al-Aksa Moschee und das Umland hat.
Abends dann noch Pitabrot, Humus und ein Sixpack Wasserflaschen gekauft und dann ab nach Hause, Shisha (Wasserpfeife) rauchen und wieder viel zu spät ins Bett gehen.
A propos Wasser: Die Sonne brennt hier viel weniger unerbittlich, wie ich mir das anfangs vorgestellt hatte. Soweit ich weiß hat sich hier kaum einer in den ersten Tagen bemüht Sonnencreme aufzutragen (ich schon) und trotzdem hat hier niemand einen Sonnenbrand. Und man sollte zwar etwas mehr trinken als sonst, aber so krass gehts gar nicht ab, obwohl die Temperaturen konstant zwischen 33-37 Grad Celsius liegen.


So. Jetzt noch der Samstag. Ich merke grad, dass ich lieber öfter schreiben und nicht solange Pause dazwischen machen sollte. Da geht der Elan schon flöten. Naja. Egal.

Gestern war ja gewiss nicht uninteressant. Max hat Jannik und mich wieder als weiser Führer nach Bethlehem geführt. Dazu mussten wir circa 15-20min zu Fuß laufen, bis wir das erste Mal an einem Checkpoint ankamen und die berüchtigte Mauer zu sehen bekamen, die die Palästinensergebiete von Israel trennt. Der Checkpoint ist eine ziemlich große, verwinkelte Anlage, kein kleiner Kontrollposten, wie es ihn hundertfach an Übergängen gibt. Wieder war Gepäckscanning angesagt, doch nur einer von uns musste für ein paar Sekunden seinen deutschen Reisepass zeigen, worauf wir Drei durchgewunken wurden. Auf der anderen Seite standen schon Taxifahrer bereit, die uns anfangs 80 Shekel (um die 14 Euro) für die Fahrt nach Bethlehem rein und zurück abknöpfen wollten. Max, der die Strecke schon gefahren war, handelte auf 15 Shekel für einen Weg runter. Angesichts der 5 minütigen Fahrt auch eher angemessen.
(Boah, jetzt doch mal Schreibpause)


27-8-2007
19:16 Uhr

So noch mal kurze Info:

Unter http://picasaweb.google.com/ivogruner/DurchmeineaugenBlogspotCom

stelle ich die ersten 500 Bilder on. Im Moment sind es so um die 30 Stück, die ich hochgeladen habe (von ca.200). Ich werde wohl immer nur eine kleine Auswahl hochladen können, da wir kein Internet in der Bude haben und das gratis Internet in der Fußgängerzone von Jerusalem nicht grade schnell ist (da bin ich grad).
Ciao Ivo

PS. Bethelehembericht wird später vervollständigt.